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Ein ungutes Gefühl hatte ich schon, als ich die Einladungen für Deine Geburtstag eintütete.
Aber ich war mir sicher, daß es so für mich richtig war. Ich wollte Deinen Geburtstag nicht so sang- und klanglos übergehen. Den gleichen Fehler nicht noch einmal machen. Den gleichen
Fehler, den wir bei Deiner Beerdigung gemacht hatten. Verschämt, als müßten wir eine Niederlage zu Grabe tragen, hatten
wir sie hinter uns gebracht. So, wie es eben viele erwartet haben: In aller Stille, ohne jegliches Aufsehen. Ich höre noch die
Bestatterin: “Machen sie es gleich morgens, dann haben sie es hinter sich.” Und so wurde die Beerdigung um 10 Uhr
angesetzt. Ich hatte zum damaligen Zeitpunkt einfach noch keine Kraft, zu sagen, was ich gerne gehabt hätte. Darüber
hinaus durfte ich mir die Fragen anhören:”Wer wird denn beerdigt? Muß denn einen Beerdigung wirklich sein?”. Die vier
ganzen Trauerkarten, die wir bekamen, konnte ich bis heute noch nicht wegräumen. Sie stehen noch heute auf unserem Wohnzimmerschrank.
Alles verlief stumm, ohne ein Wort. Auch als wir mit unseren Müttern danach noch Kaffee getrunken haben und dann
Mittagessen waren. Dein Name wurde an diesem Tag, wie an allen anderen Tagen natürlich nicht genannt. Als wir beim
Kaffee saßen, überlegte ich, das kannst du dir doch sparen, warum stehst du nicht auf und gehst wieder zur Arbeit. Ich glaube ich hätte keine Verwunderung damit erzeugt.
Ich hatte einfach jetzt das Gefühl, ich habe heute die Chance, daß was damals schief gelaufen ist, heute besser zu
machen, etwas nachzuholen. Die meisten hatten, glaube ich gar nicht begriffen, was damals passiert ist. Nach dem
Motto:” Pirko hatte einen dicken Bauch und dann hatte sie plötzlich keinen mehr.” Die Tatsache, daß wir unseren Sohn
verloren haben, war bei den meisten nicht vorgedrungen. Vielleicht hätten sie es begriffen, wenn sie den kleinen Sarg
gesehen hätten. Aber ich hatte auch das Gefühl, ich habe einigen die Chance genommen, ihre Anteilnahme auszudrücken.
Wo hätten sie besser, als bei einer Trauerfeier ausdrücken können, wie sehr sie unseren Schmerz teilen.
Auch wenn ich fürchtete, durch negative Reaktion verletzt werden zu können, so wußte ich doch ganz sicher, daß dies so
richtig ist. Und überhaupt, ich hatte schon so viel eingesteckt, was sollte da jetzt noch kommen.
Tatsächlich gab es dann von immerhin 51 Einladungen nur zwei die gar nicht geantwortet haben und eine negative
Reaktion. Ja, es tat schon weh, als Frank anrief, erst ein dreiviertel Stunde über irgendwelches belanglose Zeug sprach
und dann ganz wie neben bei plötzlich sagte: ”Ach, ja, Eure Einladung, die haben wir erhalten. Wir haben zwar Zeit, aber
wir kommen natürlich nicht. Nein, weißt du, so etwas geht doch nicht. Wir hätten Verständnis, wenn ihr dies im kleinsten
Kreis in aller Stille gemacht hättet, aber so, nein, das macht man nicht. Und abends das Grillen, daß ist doch wirklich
völlig unpassend. Außerdem haben wir zu eurem Kind doch keine Beziehung, was sollen wir denn da und übrigens, eure
Trauerarbeit, die müßt ihr schon selbst machen.” Später habe ich mich dann über ihn geärgert, aber jetzt tut er mir fast leid.
Schön waren die vielen positiven Reaktionen. Sie taten unheimlich gut. So viele liebe Anrufe und Post, die wir bekamen.
In Großhansdorf, auf dem Friedhof, waren wir dann tatsächlich fast 20 Personen. Selbst unsre Freunde aus Wolfenbüttel
mit ihren beiden Kindern waren extra nach Hamburg gekommen und hatten uns eine wunderschöne Karte mitgebracht. Die Sonne schien - zumindest die erste Viertelstunde. Einen kleinen Marienkäfer aus Holz mit sich drehenden Flügeln hatte
ich für Dich gebastelt. Jeder hatte etwas für Dich mitgebracht: Blumen, Windräder, Gestecke, Holzschmuck oder wie
Lillemor, die eine kleine Sonnenblumen für Dich pflanzte, ein Licht anzündete, und daneben einen Vogel aus Stroh und ein Herz steckte, in dem Sie ein Gedicht für Dich geschrieben hatte. Es war ein so wunderschöne Bild, das ich bestimmt nie vergessen werde.
Dann wollte ich die Gelegenheit nutzen und ein paar Worte sagen. Passend fing es an zu regnen. Aber die Tränen, die vom
Himmel fielen, fügten sich gut ein. So fing ich mit einem Gedicht von mir an:
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Plötzlich wurde es Nacht mitten an einem schönen Sommertag das Licht erlosch Dunkelheit und Kälte
wo eben noch Glück und Leben in mir um mich herum nur Lähmung und Schweigen ohne Dich wage ich keinen Schritt um nicht noch tiefer
in der Dunkelheit zu versinken bitte führe mich aus der Finsternis zurück ins Leben zeige mir den Weg damit die Sonne wieder aufgeht
ich wieder wage zu leben ganz neu
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“Ja die Finsternis war groß. Ich habe zunächst gedacht, aus ihr kommst du nie wieder heraus. Nie wieder kann es einen Tag ohne
Tränen geben
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Zehntausend Tränen muß ich weinen jetzt oder später hast Du sie gezählt ich ertrinke in ihnen
schwimme und schwimme aber da ist kein Land in Sicht kein Floß keine Insel nur ein Meer von Tränen mir geht die Luft aus
warum höre ich nicht einfach auf Die Uhr hat schon lange keine Zeiger mehr der Kalender keine Wochentage keine Monate
die Zeit steht still und läuft davon es wird ihn niemals geben den Tag an dem ich nicht mehr weinen muß nicht mehr bis auf den Grund versinke
warum soll ich dann bleiben
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“Und doch, ganz langsam hast Du mich, mein kleiner Tobias, aus der Finsternis herausgeführt. Du hast mir gezeigt, daß sie nicht
nur ihre dunklen Seiten hat, sondern auch ganz wertvoll sein kann, denn manches sieht man eben nur in der absoluten Dunkelheit: Wie das Glühwürmchen, das man nur in der
Dunkelheit erkennen kann. In der strahlenden Sonne, aber auch in einer hellen Mondnacht bleibt es einem verborgen.”
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Ein stilles Lächeln auf Deinem friedlichen Gesicht sagt mir sei nicht traurig
Wurde er Dir erfüllt der Wunsch nach der Landschaft diesseits der Tränengrenze der Wunsch verschont zu bleiben doch ich darf nicht mit Dir gehen
muß zurückbleiben alleine hoffe daß ich aus der Sintflut und Finsternis immer wieder stets heiler und stärker entlassen werde damit ich irgendwann
die Taube erkenne wenn sie mir den Zweig vom Ölbaum bringt
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“Kein Stein hast Du auf dem anderen gelassen. Kein Mensch hat bisher mein Leben so gründlich durcheinandergebracht. Aber Du hast
mir den Weg aus dieser Finsternis gezeigt und Du führst mich seitdem an Deiner Hand ganz sicher durch diese Wüste.”
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Als Du gingst war nur Finsternis um mich herum auf meinem Weg durch die Einsamkeit dem Licht entgegen
spüre ich wieder die Sonne auf meiner Haut sie wärmt und gibt mir Kraft seit ich weiß Du hast mich nicht verlassen sondern führst mich durch mein Leben
trage ich die Sonne in meinem Herzen freue mich über jeden Tag und bin Dir dankbar daß Du bei mir bist ohne Dich wäre mir das Leben verborgen geblieben
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“So viele Türen hast Du mir dabei geöffnet. Durch alle bin ich ganz tapfer hindurchgegangen und habe dabei so viel entdeckt. Ich
habe mich durch Dich verändert. Ich werde nie wieder diejenige sein, die ich vorher war, denn Du hast mich auf meinem Lebensweg ein riesengroßes Stück voran gebracht. Du hast
mir die Chance gegeben alles bisherige in Frage zu stellen. Und du hast mir gezeigt, worauf es wirklich ankommt. Hierfür bin ich Dir so unendlich dankbar.”
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So als wenn nichts gewesen wäre hinüberfahren auf einer Fähre in das Land der Phantasie
zurückkehren möchte ich nie warum bleibe ich nicht einfach dort von hier zieht es mich fort Doch was würde ich versäumen immer nur zu träumen
eingetaucht in alte Kindertage unbeschwert waren sie keine Frage einfach sich danach zu sehnen doch ich sollte endlich Abschied nehmen
Bleiben werden sie ein Stück von mir geöffnet hast Du mir die Tür die mich führt aus meinen Kinderträumen denn ich will es nicht versäumen
den Absprung jetzt zu schaffen um aus ihnen zu erwachen Angebrochen ist die neue Zeit der Weg zu ihr war steinig und so weit
fast wäre ich dorthin erfroren jetzt fühle ich mich wie neu geboren
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“Lieber Gott,
ich danke Dir, daß Du mir diesen Sohn geschenkt hast, auch wenn Du ihn mir viel zu früh genommen wieder hast. Ja, vielleicht
steht es mir nicht zu, dies zu sagen, aber Du weißt sicher, daß eine Mutter dies nicht anders sagen kann.
Ich danke Dir, daß Du mich nicht allein gelassen hast, daß Du mir die Kraft gegeben hast, diesen Weg bis hier her sicher zu gehen
und Du mir auch weiterhin die Kraft geben wirst, ihn zu Ende zu gehen.
Ich weiß nicht was für einen Sinn Tobias Tod für mich haben soll. Sicher, für mich hat sich vieles danach geändert, ich habe
vieles durch ihn geschenkt bekommen, aber ob das der Sinn war? Nein, ich kann es nicht glauben, weil für mich der Verlust und der Schmerz viel zu groß ist. Doch ich weiß
heute, alles hat einen Sinn, auch dann, wenn wir ihn nicht erkennen. Ich vertraue Dir, daß auch dieses nicht einfach so geschehen ist. Vielleicht müssen wir nicht immer in
allem einen Sinn sehen, vielleicht verstehen wir es einfach auch nicht, weil es über unsere Vorstellung geht. Aber vielleicht reicht es schon einfach aus, Dir zu vertrauen.”
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Für andere warst Du niemals wirklich da sie kennen Dich nicht sie vermissen Dich nicht keiner spricht von Dir
niemand wagt Deinen Namen zu sagen sie werden es niemals verstehen damit lassen sie Dich ein zweites Mal sterben
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Bedanke möchte ich mich auch bei Euch, daß Ihr heute hier seid, daß ihr Kai und mich gerade heute nicht allein laßt, sondern den
Mut habt, uns durch diesen Tag zu begleiten. Bedanken möchte ich mich auch bei denjenigen unter Euch, die mir gerade in der ersten Zeit geholfen, die mich nicht allein
gelassen haben, die einfach da waren. Die beispielsweise trotz allem jeden Sonntagabend zu uns kamen und an diesen Abenden meine Tränen ertragen haben.
Bedanken möchte ich mich auch für die vielen lieben kleinen Gesten, die in dieser Zeit für mich so wertvoll waren und es auch
jetzt noch sind. Dankbar bin ich auch allen denjenigen, die mich von Tobias sprechen lassen, ohne mir zu verstehen zu geben, daß ich damit endlich aufhören muß.”
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Ein ganz normaler Sommertag im letzten Jahr der Tag an dem ich Dich gebar niemals wird er es wieder sein
sonst trüge nur der Schein Trotz allem ist es Dein Geburtstag doch heute bleibt mir nur Dein Grab und die Erinnerung an Dich
verlassen wird sie niemals mich Was würde ich drum geben würdest Du noch leben doch alles was an diesem Tag geschah ist kaum zu greifen und doch wahr
Käme ein Fee herbei und hätte ich drei Wünsche frei nur nach dem einen dürfte ich nicht fragen ohne zögern würde ich ihr sagen
Einmal nur Dein Lachen hören auch Dein Schreien würde mich nicht stören fühlen wie Deine Hand mein` Finger drückt gibt es mehr als dieses Glück
Deine Wärme an mir fühlen doch das werde ich nie spüren Meine Wünsche werden nicht erfüllt meine Sehnsucht nicht gestillt
ohne Dich bleib ich in dieser Welt meinen Weg den habe ich gewählt Gott in Deiner Hand bleib ich geborgen
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Zum Abschluß beteten wir dann das “Vater-Unser”.
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