Hellmann

Aus “Das Kind, das ich nie hatte” von Diana Beate Hellmann

Bevor der kleine Benedikt seinen Satz zu Ende bringen konnte, wurde das Goldene Tor aufgestoßen, und ein völlig aufgelöstes Engelspärchen stürzte herein.

»So geht das nicht!« stöhnte der kleine Lukas und lehnte sich mit all seiner Körperkraft gegen den weit geöffneten Flügel der Tür.

»Nein, wirklich nicht!« bekräftigte die kleine Lilian und stemmte sich gegen den anderen Flügel.

Und dann meinten sie im Chor: »Wir haben zwar versprochen, nicht mehr so oft zu stören, lieber Vater, aber wenn du sehen würdest, was wir gerade gesehen haben, dann würdest du auch sagen ... «

»Ruhe, ihr Zwengel!« keifte es da auch schon vom Korridor, der jenseits des Goldenen Tores gelegen war. »Still! Weg! Raus hier! Das ist ja nicht auszuhalten, wie ihr euch gebärdet!«

Im nächsten Moment erschien Cherub im Türrahmen. Er zitterte am ganzen Leibe, und seine sonst so eng am Kopfe liegenden, rotgoldenen Locken standen auch bereits leicht zu Berge.

»Verzeih, Vater!« jammerte er. »Aber die beiden sind eine Plage...«

Cherub stimmte eines seiner Lieblingsklagelieder an. Dann holte er laut und tief Luft und brachte seine Ansprache zum Höhepunkt und zugleich auch zum Ende, indem er ihr körperlich Nachdruck verlieh

Nacken, streckte die Arme weit zur Seite — im nächsten Moment ließ er sie kraftlos niederfallen, dabei spitzte er die Lippen, und er öffnete zugleich auch seine Augen wieder, und die hatten nunmehr den kalten, fixen Blick einer Schlange, die ihr Opfer im Visier hielt. Mit diesem Blick bedachte er Lilian und Lukas.

Diese beiden waren eines von vielen Zwillingspärchen, die in den Himmeln der Wahrhaftigkeit lebten. Engelinge nannte Gott diese Geschöpfe im allgemeinen, doch diese beiden hier, die rief er Zwengel, weil sie nämlich immerzu versuchten, ihre kleinen Dickköpfe durchzusetzen.

Ohne Cherub und seinen Wortschwall auch nur einen Moment ernst zu nehmen, schlugen sie ihm die Flügel des Goldenen Tores vor der Nase zu, rannten zu Gottvater und bauten sich aufgeregt vor ihm auf.

»Wir wollen nun endlich auch geboren werden!«

»Ihr wißt, daß das nicht geht, Kinder!« Gottes Stimme klang ziemlich ermattet; er hatte diese Worte schon so oft gesagt, daß er es kaum mehr nachhalten konnte.

»Aber was wir gerade gesehen haben, Vater!« bohrten die Zwengel unverdrossen weiter. »Und hin und wieder kommen doch Zwillinge zur Welt, das wissen wir. Wir — «

»Hin und wieder schon!«

»Ja, und warum dürfen wir dann —«

»Ruhe, ihr Zwengel!« wiederholte nun der liebe Gott die Worte seines engsten Vertrauten, Cherub. »Und raus jetzt!« fügte er gleich auch noch hinzu. »Wir haben erst letztes Jahr über alles gesprochen, ich will jetzt nichts davon hören!«

Wenn Gottvater sich so klar ausdrückte, wie er es gerade getan hatte, mußte man sich fügen, das wußten die beiden. Und so senkten sie die Köpfe, drehten sich wortlos um und schlichen aus dem Saal der Sterne wie zwei kleine geprügelte Hunde.

Stand 19/02/05