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Anprache der Landesbischöfin zu Matthäus 18, Vers 14
Friederikenstift und Friedhof Stöcken am 11.01.2008
Liebe Gemeinde, Wir müssen heute Abschied nehmen von einem kleinen Jungen, den keiner von uns kannte. Ja, auch seine Eltern, seine
Herkunft kennen wir nicht. Und doch hat dieses Kind in den vergangenen Tagen die Herzen vieler Menschen bewegt. Ich habe
das gespürt, als jemand anrief und die Bestattung ausrichten wollte, als Menschen Blumen spenden wollten, als jemand
angeboten hat, ihm einen Grabstein zu gestalten. Dieses Kind hat Herzen bewegt und Mitmenschlichkeit, ja Liebe zutage treten lassen mitten in allem Entsetzen über seinen Tod.
Im Matthäusevangelium sagt Jesus: „Also ist´s auch bei eurem Vater im Himmel nicht der Wille, dass eins von diesen Kleinen
verloren werde“. Immer wieder ist erstaunlich, dass Jesus in einer Gesellschaft, in der Kinder rechtlos waren, ihre Würde in den
Mittelpunkt stellt. Er sieht sie geradezu als Vorbild. Als Vorbild vor allem, weil sie sich ganz und gar der Liebe Gottes anvertrauen. Ja, weil sie ganz und gar auf Gott und die Liebe der Menschen angewiesen sind.
Ein solcher Tod eines völlig hilflosen Kindes treibt uns um. Wie konnte Gott das zulassen? Warum war die Mutter derart verzweifelt. Wieso wurde es nicht durch warme Kleidung vor der Kälte bewahrt?
Ich bin überzeugt, Gott wollte dieses Kind schützen, ja wollte, dass wir dieses Kind bergen können. Keines soll verloren gehen!
Das ist immer wieder unser Auftrag, unsere Herausforderung. Dieser erschütternde Tod zum Beginn des neuen Jahres ist eine
Mahnung an uns alle, für „die Kleinen“ einzutreten, ihnen beizustehen, damit keines verloren werde.
Wir wissen nicht, was sich zugetragen hat in jener Nacht. Viele von uns stellen sich Fragen: War er schon tot, als er abgelegt
wurde? Hat ihn jemand in der Kälte dem Erfrieren überlassen? Oder wollte ihn jemand in das rettende Babykörbchen legen und
ist daran gehindert worden durch eine Störung oder einen mechanischen Defekt? Alle diese Vorstellungen sind erschütternd.
Wir können sie nicht beschwichtigen. Wir können sie nicht nachweisen. Sie bleiben zur Zeit Spekulation. Aber sie müssen uns drängen, noch energischer für Mütter und ihre Kinder einzutreten.
Gestern Nachmittag haben wir im kleinsten Kreis am offenen Sarg Abschied genommen. Für mich war das ein bewegender
Moment. Denn es wurde klar: da geht es nicht um den „toten Säugling“, da geht es um einen kleinen Menschen, der gern gelebt
hätte, der ein Gesicht hat, der in seinem so furchtbar kurzen Leben so viel erlitten hat. Das kleine Gesicht, das nach Erfrieren
und Obduktion fast friedlich aussah eingehüllt in ein grünes Frotteetuch werde ich nicht vergessen.
Am letzten Sonntag habe ich ihn Mose genannt. Nein, dieser Name ist nicht eingetragen. Dieses Kind hat kein Stammbuch.
Doch es sollte gerettet werden wie der kleine Mose in der biblischen Geschichte, den seine Mutter in höchster Gefahr einem
kleinen Körbchen anvertrautet. Aber keine Mirjam konnte mehr für unseren Mose hier im Sarg sorgen. Als rettende Hände ihn fanden, war er bereits tot.
Wir haben Mose einen Engel in seinen Sarg gelegt. Ein Engel ist auch auf dem Vorderbild unseres Liedblattes abgedruckt. Er
sitzt ist in der Krypta der Stiftskirche zu Fischbeck auf dem Fenstersims zu finden. Und er weint. Ursprünglich saß er auf einem
Kindersarg der Familie der Grafen zu Schaumburg. Der weinende Engel - er weint mit uns um das unvollendete, das Zerbrochene im Leben. Er weint mit uns um dieses Kind.
Ich denke, auch Gott weint mit uns um dieses Kind. Wenn wir es heute würdig bestatten, kommen wir einer Christenpflicht
nach. Für uns endet die Würde des Menschen nicht mit dem Tod. Wir glauben, dass der Name dieses kleinen Jungen, der auf
so entsetzliche Weise ums Leben kam, bei Gott in das Buch des Lebens eingeschrieben ist. Wir können den kleinen Mose auf
einem Gräberfeld für Kinder beisetzen, die noch in der Schwangerschaft starben oder als Frühgeborene, als Kinder, die bereits
geborgen waren in einer Familie. So wird er unter Kindern zumindest im Tod geborgen sein. So wird auch seine Mutter einen Ort haben, an dem sie um ihn trauern kann, wenn sie je diesen Ort sucht.
Im Christentum gehörte es von Anfang an dazu, Menschen würdig zu bestatten. Schon Josef von Arimathäa stellt in der
biblischen Erzählung sein Grab zur Verfügung, damit Jesus mit Würde bestattet werden kann nach diesem so grauenvollen
Sterben. Im Urchristentum galt als Kennzeichen, dass jeder, auch der Sklave, die Rechtlose von der Gemeinde, zu der sie
gehörten, eine solche Bestattung erhielt. Sie gilt als siebtes Werk der Barmherzigkeit Es gehört in christlicher Tradition zu unseren Pflichten, auch unbekannte Tote zu waschen, zu kleiden und zu bestatten.
So wollen wir den kleinen Mose nun begleiten auf dem Weg zu der Geborgenheit in Gottes Liebe mit aller Trauer, dass wir ihm
diese Liebe unter uns Menschen nicht geben konnten. Gott weint mit uns. Der Engel weint mit uns. Wir weinen um dieses Kind. Wir vertrauen es der Barmherzigkeit Gottes an, der seinen Namen kennt. Amen.
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