Zwischenhalt

Zwischenhaltgottesdienste

 

Einmal im Monat am Sonntag um 18 Uhr gibt es in unsere Gemeinde immer einen ganz besonderer Gottesdienst „Zwischenhalt“, . Dort spielt immer mit einer Band, es gibt Interviews mit Gästen zu einem bestimmten Thema, einer Geschichte, einer besonderen Aktion in der alle Gottesdienstteilnehmer mitmachen und natürlich auch Predigt, Gebete und Segen. Diese Gottesdienst regen mich immer irgendwie zum Schreiben an:

 

Abschiednehmen

Zwischenhaltgottesdienst
der St.Paulus Gemeinde Buchholz i.d.N.
vom 19.11.2006

Gestern am Volkstrauertag war wieder einmal ein ganz besonderer Gottesdienst „Zwischenhalt“, den es in unserer Gemeinde einmal im Monat abends um 18 Uhr am Sonntag gibt: immer mit einer Band, Interviews mit Gästen zu einem bestimmten Thema, einer Geschichte, einer besonderen Aktion in der alle Gottesdienstteilnehmer mitmachen und natürlich auch Predigt, Gebete und Segen.

Der Gottesdienst begann zur Einstimmung mit dem Lied von Karat Schwanenkönig:

Es neigte ein Schwanenkönig
seinen Hals auf das Wasser hinab.
Sein Gefieder war weiĂź wie am ersten Tag,
rein wie Sirenenton.
Und im Glitzern der Morgensonne
sieht er in den Spiegel der Wellen hinein,
und mit brechenden Augen weiĂź er:
Das wird sein Abschied sein.
Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere.
Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere.
Und sie raunen sich leise zu, raunen sich leise zu :
Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt.
Und es begann der Schwanenkönig
zu singen sein erstes Lied,
unter der Trauerweide,
wo er sein Leben geliebt.
Und er singt in den schönsten Tönen,
die man je auf Erden gehört,
von der Schönheit dieser Erde,
die ihn unsterblich betört.
Und es singt der Schwanenkönig
seinen ganzen letzten Tag,
bis sich die Abendsonne
still ins Dunkelrot flieht.
Lautlos die Trauerweide
senkt ihre Blätter wie Lanzen hinab.
Leiser und leiser die Töne,
bis das letzte Licht im Gesang verglĂĽht.
Wenn ein Schwan singt, lauschen die Tiere.
Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere.
Und sie neigen sich tief hinab, raunen sich leise zu:
Es ist ein Schwanenkönig, der in Liebe stirbt

Zwei Gäste wurden interviewt. Eine junge Frau (rechts), die eine Ausbildung zur Bürokauffrau bei einem Bestatter macht und eine Pflegedienstleiterin (links) des Buchholzer Hospizes.

Danach wurde die Geschichte von der traurigen Traurigkeit erzählt

Auch die Lieder zum Mitsingen wurden sehr passend ausgesucht.

  1. Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blĂĽht
    und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt,
    Kehrvers dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
    dann wohnt er schon in unserer Welt.
    Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht
    //: in der Liebe, die alles umfängt.://
  2. Wenn das Leid jedes Armen uns Christus zeigt
    und die Not, die wir lindern, zur Freude wird,
  3. Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält
    und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
  4. Wenn der Trost, den wir geben, uns weiter trägt
    und der Schmerz, den wir teilen, zur Hoffnung wird,
  5. Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weist
    und der Tod, den wir sterben, vom Leben singt,
     
  6. Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht;
    es hat Hoffnung und Zukunft gebracht;
    es gibt Trost, es gibt Halt in Bedrängnis, Not und Ängsten,
    ist wie ein Stern in der Dunkelheit.

    Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand,
    die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.
    Es mĂĽnden alle Pfade durch Schicksal, Schuld und Tod
    doch ein in Gottes Gnade trotz aller unserer Not.
    Wir sind von Gott umgeben auch hier in Raum und Zeit
    und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit.

    FĂĽrchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst.
    FĂĽrchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der lebst du
    FĂĽrchte dich nicht, getragen von seinem Wort, von dem du lebst.
    FĂĽrchte dich nicht, getragen von seinem Wort, von ihm lebst du.
    FĂĽrchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag, fĂĽr den du lebst.
    FĂĽrchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag, FĂĽr ihn lebst du.

Es wurde an jeden eine rote Rose verteilt und die Gemeinde wurde aufgefordert, diese Rose fĂĽr einen verstorbenen Menschen, den man vermiĂźt vor dem Altar niederzulegen.

(Ganz rechts mit dem grĂĽnen Pullover bin ich zu sehen :-) )

Als ich die Rose in der Hand hielt, liefen mir auch schon die Tränen, aber ich merkte wie meine Nachbarin zu rechten Seite ebenfalls in ein Taschentuch schniefte und mir die Frauenbeauftragte des Kirchenkreises mit Tränen in den Augen entgegenkam. Es gab viele Tränen... Bis alle Rosen vor dem Altar niedergelegt wurden, spielte die Band „My hart will go on“.

Es war zum Schluß ein wunderschönes Bild, die vielen roten Rosen vor dem Altar auf einem blauen Tuch.

Sie werden noch die ganze nächste Woche dort liegen und ich will versuchen, ob ich es schaffe in dieser Zeit noch einmal ganz für mich in die Kirche zu gehen.

Dann folgte die Predigt, die mir wirklich gut gefallen hat. Vorher erklärte die Pastorin, daß viele ihre Tränen oft nach innen weinen, aber sie eben viele Tränen gesehen habe: Dies sei völlig in Ordnung, denn wenn nicht hier in der Kirche, wo dürfe man sonst in der Öffentlichkeit weinen.

In der Predigt sprach sie über das Tabuthema Tod. Über das Sterben im Krankenhaus, über anonymen Bestattungen, daß Kinder auch ein Recht zur Trauer hätten und nicht einfach von Beerdigungen ausgeschlossen werden dürften und noch einiges Mehr. Nach dem Gottesdienst habe ich sie angesprochen und sie will mir eine Kopie der Predigt zur Veröffentlichung geben. Hier der Predigttext.

Pastorin Christiana BĂĽrig

Nach den Fürbitten, wurde dann das Lied von Eric Clapton „Tears in Heaven“ gespielt. Dabei sammelte ich – ich hatte Kollektendienst als Kirchenvorstandsmitglied – die Kollekte ein. Ich hatte inzwischen meine Tränen getrocknet und war auch vorbereitet, daß das Lied noch kommt, dennoch für mich eine echte Herausforderung. Innerlich dachte ich an die Zeit kurz nach Tobias Tod, wo ich es jeden Abend hörte, bevor ich ins Bett ging, äußerlich reichte ich den Klingelbeutel von Bank zur Bank und wurde mit Anspielung auf meinen dicken Bauch angelacht. Irgendwie eine sehr zwiegespaltende, fast unwirkliche Situation.

Aber dennoch ein wirklich gelungener wunderschöner Gottesdienst.

© Pirko Lehmitz, www.Stillgeboren.de November 2006

DurchKREUTZEWege

Zwischenhaltgottesdienst
der St.Paulus Gemeinde Buchholz i.d.N.
vom März 2008

Am Sonntag war ich mal wieder in einer unsere Abendgottesdienste. Von einigen habe ich schon einmal berichtet. Sie sind immer etwas ganz besonderes. Er steht immer unter einem Thema,dieses Mal „DurchKREUTZEWege“. Es spielt eine Band, es werden Interviews geführt, man muss etwas machen und es gibt neben der Predigt auch immer eine Geschichte zum Nachdenken. Dieser Gottesdienst löst ganz oft, viele Gedanken in mir aus und deshalb möchte ich Euch heute davon erzählen:

Es wurde die folgende Geschichte erzählt:

„Meine Last ist zu schwer

 Ein Mann war mit seinem Los unzufrieden und fand seine Lebenslast zu schwer.

 Er ging zu Gott und beklagte sich darĂĽber, dass sein Kreuz nicht zu bewältigen sei

Gott schenkte ihm einen Traum:

Der Mann kam in einen Raum, wo verschiedene Kreuze herumlagen. Eine Stimme befahl ihm, er möchte sich das Kreuz aussuchen, das seiner Meinung nach für ihn passend und erträglich wäre.

Der Mann ging suchend und prĂĽfend umher. Er versuchte ein Kreuz nach dem anderen. Einige waren zu schwer, andere zu kantig und unbequem, ein goldenes leuchtete zwar, war aber untragbar. Er hob dieses und probierte jenes Kreuz. Keines wollte ihm passen.

Schließlich untersuchte er noch einmal alle Kreuze und fand eines, das ihm passend und von allen das erträglichste schien. Er nahm es und ging damit zu Gott. Da erkannte er, dass es genau sein Lebenskreuz war, das er bisher so unzufrieden abgelehnt hatte. -

Als er wieder erwacht war, nahm er dankbar seine Lebenslast auf sich und klagte nie mehr darüber, dass sein Kreuz zu schwer für ihn sei. „

Als die Band danach spielte, kam mir sofort die Erinnerung hoch. Nach Tobias Tod habe ich oft gedacht,warum muss ich das ertragen bzw. das kann ich nicht länger ertragen, das stehe ich nicht durch. Es gab auch immer wieder Punkte, da wollte ich auch einfach nicht mehr. Drei Jahre später als ich im Vorstand der Verwaisten Eltern saß und wir uns zum besseren kennen lernen, erzählten was uns verband, da dachte ich nur: Nein, ich möchte mit niemanden hier tauschen:

Die Mutter, deren vier Monate alter Säugling an einer Lungenentzündung starb, weil ihre Mutter, die Oma, trotz Hinweises nicht ins Krankenhaus gefahren war. Hätte ich das jemals meiner Mutter verzeihen können? Hätte ich überhaupt je wieder mit ihr gesprochen? Aber genau das „Nicht-verzeihen-können“ hätte mich auf der anderen Seite selber aufgefressen.

Oder hätte ich mit meinen Schuldgefühlen weiterleben können, wenn mein vier jährigen Sohn an einem Badesee mit dem ich dort war, ertrunken wäre? Nein, ich glaube, das hätte ich nie geschafft.

Oder wie muss sich eine Mutter fühlen, deren fast erwachsener Sohn sich selber tötet? Als Mutter feststellen zu müssen, ihm nicht helfen, keine Geborgenheit geben zu können. Für mich fast das Grauenhafteste, was eine Mutter ertragen muss.

Keines der anderen Schicksale hätte ich ertragen können, mit niemanden hätte ich tauschen mögen...doch mit meinem hatte ich mich inzwischen arrangiert.

Diese Gedanken gingen mir wieder durch den Kopf und ich war froh, dass ich nur dieses Kreuz zu tragen hatte.

© Pirko Lehmitz, www.Stillgeboren.de März 2008

Sternstunden

Zwischenhaltgottesdienst
der St.Paulus Gemeinde Buchholz i.d.N.
vom 16. Dezember 2007

.Meine persönliche Sternstunde

Heute Abend war ich mal wieder zu einem der besonderen Abendgottesdienste in unserer Gemeinde – ich hatte glaube ich schon mal hier davon berichtet. Es spielt dort immer eine Band, es gibt Interviews und eine besondere Aktion. Eigentlich hatte ich ja gar keine Zeit...Elias wird morgen 4 Jahre alt: Geschenke muss ich noch einpacken, zwei Kuchen für den Kiga backen, eine Torte für morgen zum Kindergeburtstag, den Geburtstagskerzenzug aufbauen und die Spiele für morgen noch raussuchen...Kai erinnert mich: „ Du wolltest noch zur Kirche, oder?“. Ja, genau, da wollte ich hin, auch wenn ich wenig Zeit habe, aber das brauche ich heute Abend. Dieses Mal stecke ich nicht zurück. Ziehe mich an, setze mich auf mein Fahrrad und fahre zur Kirche...

Das Thema der Predigt war „Sternstunden“. Der Pastor fragte:“Haben auch sie eine persönliche Sternstunde in ihrem Leben gehabt, einen Augenblick in dem sie ganz eins mit sich selbst waren?“. Er erzählte weiter und meine Gedanke schweiften ab. In mir kamen sofort die Bilder nach der stillen Geburt von Tobias hoch. Ja, da war ich total eins mit mir. Ich hatte ihn im Arm und bewunderte ihn. So einen hübschen, perfekten kleinen Jungen. Das ist mein Sohn, so was wunderbares. Ich traute ihn kaum anzufassen, so berührt war ich. Der war die ganze Zeit in meinen Bauch, hat mich getreten und seine Turnübungen gemacht. Ich hatte mich auf der Stelle in ihn verliebt. Ich weiß heute nicht mehr wie lange ich ihn im Arm gehabt hatte, ich hatte alles um mich herum vergessen nichts wahrgenommen. Ja, Kai muss neben mir gesessen haben, ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr. Ich erinnre mich nur an Tobias und mich. „Einen Augenblick, in dem ihr Herz ganz zärtlich berührt wurde...“ höre ich wieder den Pastor. Ja, genau, Tobias hat ganz zärtlichmein Herz berührt, genauso war es...Ich schweife wieder ab, bis ich ihn zum Schluss höre:“Für die letzte Adventswoche wünsche ich ihnen eine solche Sternstunde..“. Nein, ich schüttel heftig den Kopf, nein, noch so eine Sternstunde möchte ich nicht, darauf würde ich lieber verzichten. Ich bin wieder ganz da und denke nur, hoffentlich hat mich niemand beobachtet...und lächle.

Am Ausgang schüttel ich seine Hand und sage mit einem breitem Lachen:“Tschüss Michael, eine schöne dritte Adventswoche wünsche ich Dir..:“ und fahre ganz beschwingt nach Hause.

Bis auf die Torte, die noch im Ofen ist, habe ich alles geschafft...

 

© Pirko Lehmitz, www.Stillgeboren.de Dezember 2007

Hinter dem Vorhang

Zwischenhaltgottesdienst
der St.Paulus Gemeinde Buchholz i.d.N.
vom 16. November 2008

Gestern war der besondere Gottesdienst zum Thema „Hinter dem Vorhang“, in dem ich interviewt werden sollte. Am Nachmittag war ich dann doch schon recht aufgeregt, auch wenn die Fragen vorher in einem sehr netten Gespräch mit dem Pastor abgesprochen waren. Aber es ist lange her, dass ich so öffentlich Tobias Geschichte erzählte habe und über meine Trauer berichtete.

Ich war etwas frĂĽher da und Michael und die anderen aus dem Team begrĂĽĂźten mich ganz herzlich. Der Gottesdienst begann wie immer mit einem Lied der Band.

Gestern: „Über den Horizont“ von Udo Lindenberg mit der Zeile

Hinterm Horizont geht´s weiter
ein neuer Tag
hinterm Horizont ,immer weiter
zusammen sind wir stark

Dann gab es eine BegrĂĽĂźung und EinfĂĽhrung ins Thema. 

Und das erste gemeinsame Lied wurde gesungen: „Meine Zeit steht in Deinen Händen

Die Zwischenhaltband

Meine Zeit steht in deinen Händen.
Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir.
Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden.
Gibt mir ein festes Herz, mach es fest in dir.

Sorgen quälen und werden mir zu groß.
Mutlos frag ich: Was wird morgen sein?
Doch du liebst mich, du lässt mich nicht los.
Vater, du wirst bei mir sein.

Hast und Eile, Zeitnot und Betrieb
nehmen mich gefangen, jagen mich.
Herr, ich rufe: Komm und mach mich frei!
FĂĽhre du mich Schritt fĂĽr Schritt.

Es gibt Tage, die bleiben ohne Sinn.
Hilflos seh ich, wie die Zeit verrinnt.
Stunden, Tage, Jahre gehen hin,
und ich frag, wo sie geblieben sind.

Meine Zeit steht in deinen Händen.
Nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir.
Du gibst Geborgenheit, du kannst alles wenden.
Gibt mir ein festes Herz, mach es fest in dir.

Danach war ich dann schon dran. Interviewt hat mich mein Lieblingspastor Michael Wabbel. Wir standen vorne zusammen an so einem Bistrotisch. Ich versuche jetzt mal das Interview so aus meinem Gedächtnis widerzugeben:

Michael: Vielen Dank Pirko, dass heute Abend hier her gekommen bist. Bitte erzählen, was vor 11 Jahren Euch geschehen ist.

Pirko: Vor 11 Jahren war ich 30, hatte zwei Jahre zuvor mein Studium und Ausbildung beendet und wir beschlossen, dass es schön wäre, wenn wir jetzt ein Kind bekämen. Ich wurde auch sofort schwanger und war so überglücklich. Ende der 23 Schwangerschaftswoche bekam ich dann allerdings einen Infekt mit Streptokokken, wie sich später herausstellte. Dieser führte zu Vorzeitigen Wehen. Ich bin dann noch vom Mariahilf ganz spektakulär mit Blaulicht ins Krankenhaus Altona gebracht worden. Sie hofften noch, sie würden die Wehen zum Stillstand bekommen, leider nicht. Es kam zur Geburt und unter der Geburt starb mein Sohn Tobias. Er wurde also still geboren. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich hätte nie gedacht, dass mich etwas mal so umhauen würde, mir so den Boden unter den Füssen entziehen. Ich habe wochenlang nur geweint. Ich bin mit Tränen morgens aufgewacht und abends ins Bett gegangen.

Michael: Was hat dich nach all dem Geschehen bewogen, an die Ă–ffentlichkeit zu gehen?

Pirko: Tod ist ein Tabuthema, aber ein noch größeres Tabu ist der Tod von Kindern, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. Diesen Eltern wird oft nicht erlaubt von ihren Kinder zu sprechen. Es fällt den anderen schwer die Trauer zu verstehen, denn sie haben das Kind ja nicht gekannt. Es erwartet, dass sie schnell darüber hinwegkommen. Damals wurde von mir erwartet, dass ich das einfach wegstecke und funktioniere, ich müsse einfach wieder schwanger werden und dann sei alles in Ordnung.

Michael: Du bist sehr engagiert… Wie äußert sich heute dein Engagement?

Pirko: Relativ kurz nach den Tod von Tobias habe ich mich bei den Verwaisten Eltern engagiert, deren Website aufgebaut, fĂĽr Interviews zur VerfĂĽgung gestanden, also Ă–ffentlichkeitsarbeit gemacht,  und im Vorstand mitgearbeitet. Das mache ich heute nicht mehr. Aber ich berate betroffene Eltern in rechtlicher Hinsicht zu Themen wie Mutterschutz und Namensrecht, weil es da immer wieder Schwierigkeiten gibt und  ich begleite betroffene MĂĽtter – meistens per Mailkontakt oder auch in einem Forum fĂĽr Betroffene. Eine ganze Zeit, bis zur Geburt meines jĂĽngsten Sohnes habe ich einmal die Woche mit betroffenen MĂĽttern gechattet.

Es kommt auch vor, dass ich betroffene Mütter persönlich – per Telefon oder auch in direkten Gesprächen begleite. Eins hat mich besonders berührt: Vor zwei Jahren habe ich eine Mutter begleitet, deren Sohn die Diagnose bekam, maximal zwei Jahre alt zu werden. Er ist dann vier Monate später mit neun Monaten gestorben. Sie habe ich vor und nach dem Tod ihres Sohnes begleitet und zu ihr habe ich heute noch Kontakt, denn sie ist wieder schwanger.

Michael: Was hat damals geholfen, das Geschehene zu bewältigen?

Pirko: Das wichtigste war eine Selbsthilfegruppe der Verwaisten Eltern und ein Trauerseminar, das ich zusammen mit meinem Mann besucht habe. Dort hatte ich erstmals die Möglichkeit, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Ich habe dort erfahren, dass andere genauso wie ich trauern. Das es ein ganz normaler Trauerverlauf war, was mein Umfeld mir deutlich anders zu verstehen gab. Ich erfuhr, dass ich über mein totes Baby ganz genauso trauern darf, wie andere Eltern über jedes andere Kind. Das tat mir unglaublich gut.

Gerade die erste Zeit hat es mir auch gut getan zu schreiben. All meine GefĂĽhle, meinen Schmerz und meine ganze Trauer aufzuschreiben. Erst habe ich nur Texte geschrieben und später dann auch Gedichte. Gerade wenn es mir schlecht ging, war das  ein unglaubliches Ventil fĂĽr mich.

Michael: Pirko Lehmitz hat ĂĽbrigens eine sehr beeindruckende Website gemacht, auf der man vielen dieser Texte auch lesen kann. Sie ist leicht zu merken stillgeboren.de. Es lohnt sich, da mal raufzuschauen.  Du hast auch Texte und Gedichte verfasst und Dich bereit erklärt uns heute auch ein Gedicht vorzulesen.

Pirko: Ich habe etwas ĂĽberlegt, welche meiner Gedichte ich vorlesen könnte – ich habe so viele geschrieben -  und dann habe ich mich entschieden, ich werde zwei lesen. Eines, was relativ kurz nach dem Tod von Tobias entstanden ist und ein zweites, das ich zwei Jahre später geschrieben habe

 

Plötzlich wurde es Nacht
mitten an einem schönen Sommertag
das Licht erlosch
Dunkelheit und Kälte
wo eben noch GlĂĽck und Leben
in mir
um mich herum
nur Lähmung und Schweigen
ohne Dich wage ich keinen Schritt
um nicht noch tiefer
in der Dunkelheit zu versinken
bitte fĂĽhre mich aus der Finsternis
zurĂĽck ins Leben
zeige mir den Weg
damit die Sonne wieder aufgeht
ich wieder wage zu leben
ganz neu
 

Tränen des Herzens
sie waschen es aus
machen es rein
fĂĽr die GefĂĽhle
die wir aufheben wollen
die uns wärmen
die uns Licht geben
rein und klar

HerausgespĂĽlt wird
die Wut
die Schuld
und die Angst

die Tränen schaffen Platz
fĂĽr die Dankbarkeit
fĂĽr die Erinnerung
und fĂĽr die Liebe
Liebe in unseren Herzen 

Michael: Vielen Dank Pirko.

Pirko: Darf ich noch etwas in diesem Zusammenhang ankĂĽndigen?

Michael: Ja, gerne.

Pirko: Am 14 Dezember ist der Weltgedenktag für verstorbene Kinder. An jedem zweiten Sonntag im Dezember. Dieser Tag wird auf der ganzen Welt begangen. Um 19 Uhr zündeten die Eltern für ihre verstorbenen Kinder eine Kerze an und stellen sie ins Fenster. Wenn die Lichter in der einen Zeitzone erlöschen, werden sie in der nächsten entzündet, so dass eine Lichterwelle rund um die Welt geht. Auch ich werde das am 14. Dezember mit meinen Jungs machen.

Ich erhielt Applaus und setzte mich.

Michael kündigte das nächste Lied an – ich wusste es schon und hatte im Vorgespräch vorsichtig gefragt, ob es nach dem Interviews käme: Tears in Heaven.

Das nächste Lied ist von Eric Clapton, dessen fünfjähriger Sohn auf sehr tragische Weise ums Leben gekommen ist. Er fiel aus dem Fenster des 35 Stockes eines Hauses in Manhattan. Er hat seine Trauer in diesem Lied verarbeitet. Er stellte sich vor, wenn er ihn im Himmel wiedersehe. Eine Zeile heißt:


Ich muss stark sein und weitermachen.
Denn ich weiĂź,
ich gehöre (noch)  nicht in den Himmel
Jenseits der TĂĽre, da ist Frieden,
und ich weiĂź ganz sicher,
dass es im Himmel keine Tränen gibt

Dann spielte die Band Tears in Heaven. Total schön.

Dann gab es die „Mitmachaktion“…in dem Gottesdienst wird immer etwas vorne aufgebaut und man muss dann nach vorne gehen und kann sich dort was abholen. Wir hatten am Eingang eine kleine Träne mit Anhänger bekommen. Die sollten wir nach vorne bringen. Im Taufständer war eine Glasschüssel, die wurde von unten beleuchtet.

In der dunklen Kirche leuchtet die total schön. Da sollten wir unsere Träne hineintun und uns in mehreren großen Kreisen da herum stellen. Obwohl die Kirche voll war, war es ganz ruhig dabei. Als alle Tränen gesammelt waren, erklang ein Ton von einer Klangschale. Reimer sprach denn die Worte: „Und Gott wird alle Tränen abwischen“. Wieder erklang die Klangschale. Dies wiederholte sich dreimal. dann wurden wir

Der von hinten beleuchtet Altar mit der Schüssel voller Tränen

aufgefordert, uns eine Träne aus der Schale zu holen und die Träne eines anderen mitzunehmen.

Ich hoffe, es werden wieder Bilder ins Internet gestellt. Das sah total schön aus. Normalerweise wird in diesen Gottesdiensten fotografiert, auch die Interviews, doch diesmal nicht, weil sie aufgrund des Themas das nicht angebracht fanden. Aber die Tränen sind im Anschluss fotografiert worden.

 

© Pirko Lehmitz, www.Stillgeboren.de November 2008

 

 

 

 

 

 

Die Tränen in der Schüssel

Stand 26/11/08