Kalenderblatt Oktober

Wir denken an Euch

Die Geburts- und auch Todestage unserer Kinder sind für uns immer etwas ganz besonderes. Es tut gut, wenn man weiß, auch andere denken noch an unsere Kinder. Jede Geste, die wir erhalten, sei sie auch noch so klein, bringt Licht in unsere Herzen.

11. Tom11. Tom

Wenn Ihr auf die Namen klickt, kommt Ihr zu den Namensgedichten der Sternenkinder

Zeig mir das Licht,
es brennt in unseren Herzen.
Zeig mir das Licht,
so hell wie tausend Kerzen
Zeig mir das Licht,
in Dunkelheit und Kälte,
Du Regenbogen, Du Sonnenstrahl.

Wüste
Sinnbild für die Gefühle der Leere, Trostlosigkeit, scheinbare Leblosigkeit und für das unerträgliche in der Trauer

Die Wüstenrose

Ein Mann war mit einer Gruppe unterwegs in der Wüste. Plötzlich brach ein Sandsturm los, so stark, dass keiner mehr den anderen erkennen konnte. Jeder war auf sich gestellt.

Als der Sturm nachließ, stellte der Mann fest, dass er seine Gruppe verloren hatte. Er war allein. Nichts kam ihm mehr vertraut vor. Der Sturm hatte alle Spuren verweht. Nur die Sonne war an ihrem alten Platz und half ihm, die Richtung zu bestimmen. Schon nach kurzer Zeit quälte ihn der Durst. Mit aller Kraft versuchte er, vorwärts zu kommen. Doch je länger er unterwegs war, um so mutloser wurde er. Sand - nichts anderes umgab ihn. Erbarmungslos brannte die Sonne auf alles Leben, das sich regte.

Allmählich spürte der Mann, dass ihn seine Kräfte verließen. Wenn ich nicht bald etwas zu trinken finde, muss ich sterben, dachte er und schleppte sich weiter. Bis zum Abend fand er kein Wasser und keinen Menschen und war kurz davor, aus Verzweiflung aufzugeben. Erschöpft sank er nieder.

Da spürte er neben sich eine Pflanze. Vorsichtig tastete er sie ab. Sie war ganz vertrocknet und hart. Hässlich grau ragte sie aus dem sandigen Boden. Voller Abscheu sah sich der Mann das einzige Lebewesen neben sich an. So wird es mir auch bald ergehen, dachte er. Verdorren wird alles Leben in mir. Die Pflanze zeigt mir mein Schicksal.

Noch einmal wollte er sich aufraffen, doch er konnte keinen Schritt mehr gehen. Er schlief ein. Wirre Träume quälten ihn. Gegen morgen wachte er fröstelnd auf. Die Nacht war kalt und sternenklar gewesen. Ihn fror. Wie mag es meiner Nachbarin, der Pflanze, gehen, dachte er und tastete nach ihr. Doch was war das? Sie fühlte sich ganz anders an als vorher. Erstaunt betrachtete sie der erschöpfte Mann. Die Pflanze hatte sich verändert: Sie war grün geworden und hatte ihre Ästchen und Zweige wie eine Rose entfaltet. Der Tau der Nacht hatte dies bewirkt. Nur ein wenig Feuchtigkeit hatte so viel Leben entstehen lassen. "Gestern warst du für mich die Ankündigung des Todes", rief der Mann. "Willst du mir heute Mut machen zum Leben?".

Vorsichtig grub er die Pflanze aus. "Du kommst mit. Immer will ich dich spüren und sehen können. Wenn ich mutlos werde, sollst du mir Hoffnung geben."

Der Verdurstende schleppte sich weiter vorwärts. Oft war er völlig mutlos, doch er gab nicht auf. Immer wieder sah er seine Pflanze an und richtete sich wieder auf.

Schließlich fand ihn eine Karawane. Menschen gaben ihm zu trinken und pflegten ihn. "Ohne Pflanze hätte ich aufgegeben", stammelte er mit dürren Lippen." Nur wer Hoffnung hat, kann kämpfen. Sie gab mir immer wieder neu Hoffnung." Die Beduinen lächelten. Sie kannten die "Auferstehungsrose" und ahnten, was er sagte, obwohl sie seine Sprache nicht verstanden.

Solange der Mensch nur einen Funken Hoffnung auf Leben entfachen kann, ist er bereit zu kämpfen und hat die Kraft, größere Durststrecken zu ertragen.

Autor unbekannt

Wüste und Leben - nah beieinander, doch oft getrennt!

Wenn wir uns leer, unlebendig und in einer Krise erleben, dann wollen wir das meistens so schnell wie möglich hinter uns bringen. Wir verbinden mit Wüste (Krise) nicht Leben auf einer besonderen Stufe. 

Die Wüste ist notwendig, voller Leben, sogar reizvoll - aber wir müssen lernen, sie neu zu sehen.

So sehr wie Trennung, Trauer, Abschied, Schmerz und Tod eine schwere Lebenskrise auslösen, uns in die Tiefe ziehen, uns verletzen und sprachlos machen, so sehr werden in uns Kräfte frei - von deren Existenz wir nichts verspürten, ja es wachsen (ganz langsam und erst viel später) ganz andere Dinge in uns nach.

Begreife,
dass du gerade durch deine Not
auf Boden stehst, der heilig ist.
Zieh deine Schuhe aus
und würdige die Wüste deines Lebens -
sie hat dir etwas zu sagen.
Deine Fähigkeit zu warten,
zu trauern und zu leiden
macht dich menschlich.
Durch die Erfahrung der Wüste
wirst du die Tiefe des Lebens
besser verstehen.

Spürst du die neue Landschaft
der Wüste in dir?
Etwas tut sich auf, gewinnt Gestalt.
Das, was du kanntest,
ist überholt von neuen Einsichten.

Dann, wenn die Zeit erfüllt ist,
wenn gelernt worden ist,
was zu lernen ist,
wenn die Tiefe erreicht worden ist,
die neues Leben möglich macht,
dann blüht die Wüste,
dann wirft sie sich in ein buntes Kleid,
und macht ihre Vielfalt deutlich.

Wer die Wüste entdeckt hat,
lebt nicht mehr ohne ihre Weisheit.
Schwer, aber wunderbar ist der Weg durch die Wüste.

 

Krisenerfahrungen - Elijas Weg durch die Wüste

von P. Ambrosius Leidinger OSB

Der Prophet Elija gewinnt für heute höchste Brisanz. In der Heiligen Schrift, im 19. Kapitel des ersten Buches der Könige, wird die Flucht des Propheten in die Wüste geschildert. Auf psychologischer Ebene wird erstaunlicherweise der Verlauf einer Lebenskrise beschrieben.

Isebel, die Königin, will die Tötung der Baalspriester (vgl. 1 Kön 18) rächen: Sie will Elija töten lassen. Die ganzen Umstände lösen bei Elija eine Lebenskrise aus.

Krisen werden durch verhinderte Reifungsprozesse ausgelöst, die weitergeführt werden müssen. Zwar sind sie Chancen personalen Reifens (Alfons Thome) aber alles andere als angenehm: Alte Strukturen können zusammenbrechen, und bisherige Vorstellungen werden in Frage gestellt. Wer in der Krise steckt, erlebt eine innere Ungeborgenheit, Trauer, Angst und Unruhe. Bei manchen Menschen gehen Krisenzeiten sogar mit körperlichen Beschwerden einher. Fliehen aus Krisensituationen - das ist dann ein allzu verständlicher Wunsch. Manche tun es: in Drogen, in Arbeit; oder er steigt ganz aus seinem sozialen Umfeld aus.

Von Elija heißt es: "Er geriet in Angst, machte sich auf und ging weg, um sein Leben zu retten" (1 Kön 19,3a). Er sucht das Heil in der Flucht. Kurzfristig mag sie tatsächlich ein Ausweg sein. Aber in der Wüste begegnet er sich selbst und muss sich seinen eigenen Todeswünschen stellen. "Elija kam nach Beerscheba in Juda und ließ dort seinen Diener zurück. Er selbst ging eine Tagesreise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: "Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter" (1 Kön 19,3b-4).

Was Elija als Wüstenlandschaft erlebt, ist ein Spiegelbild seiner selbst. Wüstenerfahrungen charakterisieren sehr anschaulich, was ein Mensch in Krisen durchleben muss. Wüste - das ist der Ort, wo man sich selbst stellen muss, ohne von dem Alltäglichen abgelenkt zu werden. Da die bisherigen Vorstellungen und Lebensentwürfe nicht mehr tragen, stellen sich Fragen wie: Was bin ich denn nun? Wer bin ich denn eigentlich noch? Wie soll es weitergehen? Echte Antworten lassen auf sich warten. Vieles wird nun in Zweifel gezogen und abgewertet, nichts Gutes wird mehr an sich gefunden. Die derzeitige Situation wird als katastrophale Folge vieler falscher Entscheidungen im Laufe des bisherigen Lebens gedeutet. Konnte man die quälenden Fragen und Zweifel anfangs noch irgendwie beiseite schieben, bricht in der Unbehaustheit und Einsamkeit einer Wüste die Abwehr zusammen: Verzweiflung, Schmerz und Trauer legen sich über die Seele.

Die Wüste ist kein geeigneter Ort, um dort längere Zeit zu leben, mag es auch sein, dass manchmal ein Aufenthalt notwendig erscheint. Sie ist mehr ein Durchgang.

Die Bibel berichtet uns, dass Elija einschlief: "Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein" (1 Kön 19,5). Der Schlaf hat eine ambivalente Bedeutung. Zum einen ist er eine noch harmlose Erfüllung des Todeswunsches: nicht mehr so leben müssen. Zum anderen aber ist der Schlaf notwendig, um dem Gefühlschaos Ruhe zu ermöglichen und Kraft zur Bewältigung der Dinge, die anstehen, zu schöpfen.

Nun kommt der Engel Gottes ins Spiel, oder sagen wir sein Schutzengel (1 Kön 19,5-7). Er findet den Lebensmüden in der Wüste und weckt ihn auf. Mit dem Ruf "Steh auf und iß" bewegt er ihn zum Weiterleben, zum Weitergehen und gibt ihm das, was er zum Durchhalten braucht: Brot und Wasser - Lebens-Mittel. "Da stand Elija auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb" (1 Kön 19,8).

Der Weg ist ein Symbol für Wandlung und Veränderung. Das Durchleben einer Krise gleicht einem Weg durch vierzig Tage und Nächte. Hellere und dunklere, leichtere und schwerere Abschnitte wechseln dabei ab. Der Weg durch die Krise ist keine gradlinige, gleichförmige Entwicklung, vielmehr sind Irrungen und Wirrungen, Höhen und Tiefen, hoffnungsvolle Aufbrüche und tiefe Einbrüche, lichte Augenblicke und finstere Nacht auszumachen.

Die Zahl Vierzig bezeichnet in der Bibel einen Zeitraum, in dem sich eine tief greifende, zur Erneuerung drängende Veränderung vorbereitet und durchsetzt. Die Sintflut dauerte vierzig Tage, Jesus war vierzig Tage in der Wüste, das Volk Israel erreicht nach vierzigjähriger Wüstenwanderung das Gelobte Land, auch die Fastenzeit dauert vierzig Tage. Es geschieht in dem mit der Zahl Vierzig verknüpften Zeitraum immer eine Veränderung in Richtung auf das Gute, auch wenn wir das Betroffene im Auf und Ab ihrer Krise kaum sehen können.

Die Geschichte des Elija zeigt uns, dass wir in Krisen eben darauf vertrauen können. Es gibt diesen Engel, der uns sagt: "Steh auf und iß", es gibt diesen Engel, der Wasser und Brot reicht für den weiten Weg.

http://www.albertusmagnus.de/th_0901.htm

Der Vulkan ist erloschen

Der Vulkan ist erloschen
Der Berg der Trauer
Wird zum See der Erinnerung
Tränen
Harte Arbeit
Der Weg ist weit
Manchmal sehe ich ihn  nicht mehr
Fühle nicht mehr Deine Hand
Bekomme Angst,
Daß ich diese Wüste
nicht mehr verlassen kann...

Dann
Geht die Sonne auf
Und ich erkenne
Die Wüste ist ein Paradies
Jeden Tag wird es einfacher
Weiterzugehen
Zu vertrauen
Das Leben anzunehmen
Nur, wenn die Angst mich überfällt
Möchte ich wegrennen
Nie wiederkehren
Ich schaffe das nicht...

Doch Du führst mich
Durch jede Gefühlslandschaft
Und zeigst mir
Die Oasen meines Herzens!  

Wann endlich
Kenne ich den Weg?  

Monika Günther

Ansprache zum “Gedenkgottesdienst für verstorbene Kinder”
 Frankfurter Kirchentag, 15. Juni 2001
von Kristiane Voll

Liebe Mitmenschen! Und ganz besonders: Liebe Mütter, Väter, Geschwister und Familienangehörige, die Sie und Ihr um ein verstorbenes Kind in Ihren Familien trauern!

Zu Beginn dieses Gottesdienstes haben wir Klagen gehört. Klagen zu können und zu dürfen ist auf den ganz unterschiedlichen Wegen durch die Trauer lebenswichtig. Denn Klagen gibt dem Schmerz Raum und Ausdruck. Das zu haben, ist all´ zumal für trauernde Eltern, Geschwister und Menschen aus ihrem nächsten Umfeld wichtig, denn für sie ist die Trauer um den Tod eines Kindes eine dunkle und zutiefst schmerzliche Zeit. Das auszuhalten und zu ertragen, erfordert äusserste Kraftanstrengung.

Trauernde, Traurige, Verzweifelte erleben sich oft wie auf Wüstenwegen. Der Verlust – der Tod des vertrauten, geliebten Menschen – der Tod eines Kindes – hat aus einer bewachsenen, blühenden Landschaft eine Wüste werden lassen. Und dort nun – in dieser unbekannten, unwirtlichen Gegend – in der Wüste – müssen sie einen Weg finden.

Durch Wüste zu gehen, macht Angst. So viel Angst, dass man einfach nur fliehen möchte. Und doch tut es not, diesen Weg durch die Wüste zu gehen, weil wir nur so das Gewesene wahrnehmen und neues Leben entdecken können.

Wüstenzeiten sind harte Zeiten. Sie bedeuten ein beständiges Suchen nach der verschütteten, verborgenen Lebensader. Gibt es sie überhaupt noch – diese Lebensader? Die Wüste lässt oft daran zweifeln, weil es kaum Zeichen von Leben gibt und das Vertraute fehlt.

Wie soll ich leben ohne mein Kind? – Ohne meine Schwester? – Ohne meinen Bruder? Was ist das für ein Leben? Wo blühendes, wachsendes Leben war, spüre ich plötzlich Leere. Das Leben wird zur Wüste.

Durch diese Wüste einen Weg zu finden, kostet unendlich viel Kraft. Es ist härteste Arbeit. Es braucht enorme Anstrengungen, gegen Sand und Wind, gegen Durst und Erschöpfung, zu kämpfen und den Weg zur nächsten Zisterne zurückzulegen. Die brütende, lähmende Hitze am Tag, die klirrende Kälte der Nacht, das Gefühl der ohnmächtigen Winzigkeit inmitten einer grenzenlosen Weite kosten Kraft und führen nicht selten an die Grenzen dessen, was möglich ist. Inmitten der Not und der Entsagung werden jeder Tropfen Wasser, jeder kleine Schattenfleck kostbar.

Manche sagen: “Die Wüste lebt.”, aber das dringt kaum in das Bewusstsein derer durch, die am Anfang ihrer Wüste stehen. Es braucht Zeit, dafür ein Gespür und einen Sinn zu bekommen. Es braucht Zeit, um sich in der Wüste zurecht zu finden und sie als einen Ort des Lebens – als einen Ort des verborgenen, unscheinbaren Lebens zu entdecken.

Ich möchte uns dazu eine kleine Geschichte erzählen, die davon auf ihre Weise etwas zum Ausdruck bringt:

Ein Fluss wollte durch die Wüste zum Meer. Aber als er den unermesslichen Sand sah, wurde ihm Angst, und er klagte: “Die Wüste wird mich austrocknen, und der heisse Atem der Sonne wird mich vernichten.” Da hörte er eine Stimme, die sagte: “Vertraue dich der Wüste an.” Aber der Fluss entgegnete: “Bin ich dann noch ich selber? Verliere ich mich nicht?” Die Stimme antwortete: “Nein, du wirst dich nicht verlieren.”
So vertraute sich der Fluss der Wüste an. Wolken sogen ihn auf und trugen ihn über die heissen Sandflächen. Als Regen wurde er am anderen Ende der Wüste wieder abgesetzt. Und aus den Wolken floss ein Fluss – der Fluss, neu und verändert und doch zugleich auch der gleiche.
(nach Gerhard Eberts, gefunden in: Elsbeth Bihler, Symbole des Lebens – Symbole des Glaubens II, Limburg 1998, 16)

Trauer – die Trauer um ein verstorbenes Kind – ist wie der Weg des Flusses durch die Wüste. Der Fluss hat Angst – grosse Angst. Er klagt und zaudert. Die Angst, sich ganz und gar zu verlieren, ist übermächtig.

Der Fluss braucht Zuspruch, um sich auf das Wagnis seines Weges einzulassen. Auf diesem Weg verändert und verwandelt er sich, und doch bleibt er auch er selbst. Eine schwer vorstellbare Erfahrung: wie soll das gehen? Ich glaube, diese Erfahrung erschliesst sich erst im Erleben. Sie ist mit Worten nicht wirklich zu beschreiben und verständlich zu machen. Ein klein wenig vermag vielleicht die Geschichte davon anzudeuten.

So wie der Fluss Zuspruch und Ermutigung braucht, so brauchen gerade auch trauernde Familien Zuspruch und Begleitung. Auf den Wüstenwegen durch die Trauer ist es unendlich wichtig, Momente des Trostes zu erleben: Eine entgegen gestreckte Hand, eine Umarmung, ein freundliches Wort, die Ermutigung, zu erzählen, ein verständnisvoller Blick können solche tröstlichen Momente sein. Sie sind Lebenszeichen in der Wüste und helfen, den schweren Weg zu gehen.

Die Flussgeschichte erzählt, dass der Fluss sich am Ende der Wüste wiederfindet – neu findet und dass er Leben findet.

Leben finden – Hoffnung auf Leben entdecken: Als betroffene Schwester weiss ich, dass das für viele trauernde Mütter und Väter, für trauernde Brüder, Schwestern und Familienangehörige häufig etwas Schweres, etwas Unwirkliches ist. Im Wissen darum möchte ich mit ein paar Sätzen von meiner Hoffnung erzählen.

Ich vertraue darauf, dass es Gott gibt – dass er da ist, wenn ER mir auch oft unendlich fern scheint.
Und ich vertraue darauf, dass Gott stärker ist als der Tod. Ich glaube, dass er Leben schenkt – Leben auch jenseits des Todes. Es gibt Erfahrungen, die mich in diesem Glauben bestärken; und es gibt Worte, die diesem Vertrauen einen Grund geben. Ein biblischer Vers, der mich hier besonders anrührt und stärkt, steht beim Propheten Jesaja: “Wie ich strömenden Regen über verdurstendes Land ausgiesse, so giesse ich meinen Lebensgeist über dich aus.” Amen.

Traumbild Wüste
Von Grenzerfahrungen unseres Lebens
Verena Kast

Die Wüste ist ein Symbol, das gar nicht so oft in Träumen vorkommt. Wenn sich aber Träume die Wüste als Ort ihrer Handlung wählen, dann sind das nach meiner Erfahrung immer sehr bedeutsame Träume, Träume, die eine ganz besondere existentielle Situation anzeigen: Die Wüste ist ja zumindest für uns Europäer - ein eher ungewohnter Lebensraum, mit dem wir auch viele Phantasien verbinden. Wenn wir in die Wüste gehen oder der Traum uns in die Wüste führt, verlassen wir den Raum unseres gewohnten Lebens, unserer gewohnten Wahrnehmungen und Empfindungen - und so können wir uns neu erfahren, Neues an uns erfahren.

Wenn immer wir die gewohnten Räume unseres Eriebens und Denkens verlassen, gelangen wir in seelisch erneuernde Räume. Ein solcher Raum ist die Wüste, und die Unermeßlichkeit der Wüste kann auch die Unermeßlichkeit unseres inneren Wesens erfahrbar machen. Das kann faszinieren oder ängstigen. Denn die Wüste ist für uns faszinierend oder aber ängstigend oder beides zusammen; Ort der Herausforderung oder Ort der größten Bedrohung. Es ist im allgemeinen kein Ort der größten ten Bedrohung. Es ist im allgemeinen kein Ort, um sich auf längere Zeit niederzulassen; es ist eine Gegend, die man durchquert, in der man immer wieder aufbricht, auf der Suche nach dem Wasser, das ja fehlt und das dadurch der Wüste eben den Charakter der Wüste gibt: das Unkultivierte, Wilde, letztlich für den Menschen Lebensfeindliche. Sie zwingt aber den Menschen auch zu einer Lebensform, die ihm letztlich angemessen ist: In der Wüste wird fast jeder ein Nomade, und Nomaden sind wir doch eigentlich, wenn wir bedenken, daß wir immer wieder Abschied nehmen müssen, uns immer wieder auf neue Situationen des Lebens einlassen müssen, «abschiedlich» leben müssen.

Wählt unser Traum die Wüste als den Ort seiner Handlung, dann teilt er uns mit, daß der Raum, in dem sich unser Leben im Moment abspielt, ein ganz besonderer ist, ein Raum der großen Herausforderung: eine Situation, in der man mit dem Tod konfrontiert ist und das Leben neu gewinnen kann, ein Raum, in dem man seine Seele ausbreiten kann, sie sehen kann, ohne von anderen Menschen beeinflußt zu werden, aber auch ohne große Hilfe durch andere Menschen. Es ist aber auch ein Raum, in dem die eigene Leere zum Ausdruck kommen kann, eine Leere, die sich durch keine Ablenkung vertuschen läßt. Die Wüste ist ein Ort  der unerbittlichen Konfrontation mit sich selbst, und ob wir bei dieser Konfrontation dem Göttlichen in uns oder der großen Leere, dem Nichts begegnen, ob dieses Erleben des Nichts eine Durchgangssituation ist, aus dem die ganze Fülle des Seins aufleuchten kann, oder ob das Nichts sich leer und gähnend ausbreitet, ist ungewiß: vielleicht eine Frage der Gnade. So kennen wir denn etwa aus der Bibel die Wüste als den Ort der größten Gottesferne, der Verlassenheit, der Versuchung durch den Teufel, andererseits ist es aber auch der Ort, wo sich Gott besonders intensiv zeigen kann.

Die Wüste, diese Urlandschaft, vom Wind, von Hitze und Kälte geformt - also letztlich ganz unter der Herrschaft der Sonne stehend -, lehrt uns auch die Einfachheit und die Schönheit des Zerfalls. Hier wird Leben einfach, werden die Bedürfnisse des Menschen auf die elementaren Bedürfnisse beschränkt: Gegeben ist eine große Sonne und eine Erde, die langsam zu Sand zerfällt. Und diese Einfachheit kann auch in der Wüste und durch die Wüste als seelische Einfachheit im Menschen erlebt oder ersehnt werden. Alles Überflüssige ist unwesentlich: Das Leben, der Mensch reduziert sich auf das Wesentliche.

In dieser Urlandschaft können wir aber auch der Erde, dem Fels in all seinen  Erosionsformen, begegnen, der Sand ist das Endprodukt dieses Prozesses, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit eines Neuanfangs. Was für den einen unerträgliche Monotonie ist, ist für den, der genau hinsieht, Ausdruck unerschöpflicher Spielarten einer Fülle von verschiedensten Formen. Und selbst der wüsteste Sand ist, schaut man genau hin, vom Wind unendlich vielfältig und fein gezeichnet. In der Wüste befindet man sich in einer großen Weite, die Geborgenheit suchen läßt. Vielleicht spendet sie ein Fels, eine Terebinthe vielleicht aber können wir sie nur in uns selbst finden. Wir sind aber auch mit für Menschenmaß unermeßlichen Zeiträumen konfrontiert: Unser endliches Leben wird hier erfahrbar im Spiegel des Unendlichen. Und doch sind wir es, die diese unendlichen Zeiträume erahnbar und erfaßbar in einem Jetzt erleben und wahrnehmen, wir in unserer Endlichkeit.

Und so ist die Wüste nicht nur ein Ort der Lebensfeindlichkeit, der Verlassenheit, der Orientierungslosigkeit, der Leere, des Ausgesetztseins, sondern in ihrer Weite, in ihrem Verdichten von Zeiträumen, in ihrer Einfachheit stellt sie uns auch in ganz große, wesentliche Lebenszusammenhänge hinein. Die Wüste fordert heraus, wir können an dieser Herausforderung zerbrechen; sie kann in uns durch diese Herausforderung aber auch gerade die Überlebenskräfte steigern, uns den Sinn für das Wesentliche im Leben geben, für das Einfache. Jedes Erlebnis mit Wüste aber wird uns auch zeigen, wie wesentlich für uns der andere Mensch ist, der Begleiter, der uns hilft zu überleben.

In der Wüste werden wir immer auf der Suche nach dem Wasser sein, sei das Wasser nun ganz real oder symbolisch verstanden, als dem Wasser des Lebens, das uns vor dem Tod aber auch vor dem Umkommen in unseren seelischen Wüsten bewahrt.

Die Wüste als Lebensraum, auch als symbolischer Lebensraum, ist ein Raum der Herausforderung, die übermenschlich, die aber auch unmenschlich sein kann, eine existentielle Grunderfahrung, bei der Untergang und Neuanfang möglich sind. Wählt der Traum die Wüste als Ort unseres Traumgeschehens, als unseren Aufenthaltsort im Traum, dann zeigt er unsere Lebenssituation als eine solche, in der eine Grenzerfahrung dieser Art notwendig ist, notwendig wird, oder aber er zeigt uns, daß wir eigentlich schon in der Wüste leben. Anhand von Träumen, die den Träumer oder die Träumerin in die Wüste führen, möchte ich nun einige Aspekte spezieller bedenken, diese Träume aber auch in einen Zusammenhang mit der realen Lebenssituation der Träumenden stellen und zeigen, wie diese Träume mit dem persönlichen Entwicklungsprozeß des Träumers oder der Träumerin zusammenhängen. Ich halte es dabei so, daß ich nur die Ereignisse aus der Lebensgeschichte jeweils erwähne, die zum Verständnis mir unabdingbar nötig erscheinen.

Die Flucht in die Wüste

Aus „Mit Menschen der Bibel Lebenskrisen überwinden – zum Beispiel Hiob“
Wolfgang Hohensee

Die Wüste hat für mich eine vielschichtige Bedeutung. Sie ist ein Ort, um allein zu sein, zu sich selbst zu kommen und auch um Gott zu hören, denn keinerlei Ablenkung bietet sich mir. Wo finde ich zu Hause solche Orte, an denen weder Telefon, Kinder oder anderes mich daran hindern abzuschalten? Ich selbst gehe oft in meine Kirche, wo ich mich allein in die Bank setze, um von niemandem gestört zu werden. Manchmal stehe ich morgens früh auf, um mir bei Kerzenlicht selbst den Raum zu schaffen. Ich muss nur einen Raum - meinen Wüstenraum - finden wollen, um ihn hören zu können. In der Stille spricht es in mir. In der Wüste Gott hören meint, dass es um das »hörende Schweigen« geht. Von den alten Wüstenvätern ist uns das Wort überliefert: Fuge. tace, quiesce - Fliehe, schweige, werde still«Vielleicht müssen wir uns nur diese drei Worte merken, um die Wüste als Quellen einer großen Kraft zu erleben, die uns dem Geheimnis Gottes und dem Geheimnis der Menschwerdung näher bringt. Ich muss zuerst fliehen, mich dem Lärm und der Hektik entziehen, um mich auf das Schweigen vorzubereiten und still zu werden.

Im Neuen Testament wird uns die Wüste als Ort beschrieben, wo Jesus alles loslassen kann, und sich zugleich seinen dunklen Seiten stellen muss. Erst durch den Kampf mit dem Bösen gelangt er zu der Erfahrung, dass er von etwas anderem getragen wird als von sich selbst. Die Wüstenerfahrung wird zur inneren Notwendigkeit, also ein spirituelles Prinzip der Begegnung zwischen Mensch und Gott. Eine Wüstenlandschaft sieht äußerlich so friedlich aus, aber sie verlangt dem Menschen einen trotzigen Kampf ab, wenn er hier überleben will.

Die Wüste kann außerdem ein Spiegel meiner inneren Landschaft sein. Die Wüste ist eine leblose Landschaft, ein dürres und erschöpftes Land und sie ist ohne Wasser. In diesem Sinne entspricht die äußere Wüste der psychischen Wüste Elias. Er fühlt sich kraftlos und sieht keinen Ausweg aus seiner Situation, außer den Wunsch, sterben zu wollen.

Ich glaube, jedes menschliche Leben wird irgendwann einmal von dem Gefühl überschwemmt, keinen Ausweg zu sehen und nicht mehr leben zu wollen. Ich war Kind, als ich zum ersten Mai diesen Wunsch verspürte. Ich hatte Streit mit meinen Eltern und das Gefühl der totalen Verlassenheit. Gerade als Kind erleben wir dieses Gefühl der Verlassenheit elementar, denn wir können uns keine Erklärungen geben, die uns helfen, die Situation zu deuten, indem wir zwischen unseren Bedürfnissen und unserer Bedürftigkeit zu unterscheiden wissen. Ich entsinne mich daran, wie ich als Kind in ein Jugendlandheim »verschickt« wurde und sich ebenfalls das Gefühl der Angst einstellte. Immer dann, wenn ich mich verletzt fühlte oder Angst hatte, war das Gefühl der totalen Verzweiflung da. Ich wünschte mir jemanden, der mich hatte trösten können, der wusste, was mir in diesem Augenblick fehlte.

In diesen spirituellen Raum einzutreten bedeutet, sich seiner geistigen Wurzeln zu erinnern und die Identität mit sich selbst zu erlangen. Elias Wüstenerfahrung wird zur inneren Notwendigkeit, also ein spirituelles Prinzip der Begegnung zwischen ihm und Gott. Elia erkennt in der Wüste seines Lebens: Gott wartet auf mich seit einer Ewigkeit. Ich war nur zu beschäftigt, dieses Warten zu erkennen. Und so besitzt die Einsamkeit auch eine verändernde und heilende Atmosphäre, in der neue Erkenntnis wächst.

Die Steinpalme

aus: Wie viele Farben hat die Sehnsucht, Lucy Körner Verlag

Eines Tages kam ein Brief. Eine Leserin schickte mir den Handgeschriebenen Text einer Legende aus der Sahara. Es ist eine dieser Geschichten, wie sie oft in arabischen Ländern abends an den Feuern erzählt werden. Jeder kennt sie, jeder erzählt sie irgendwann einmal weiter. Auf dem Boden dieser Legende entstand folgendes Märchen:

Es war Spätnachmittag, und es war ein Wind aufgekommen, der leise über die Haare streicht und auf dem Gesicht eine Ahnung von Kühle hinterläßt.

Es war die Zeit, die zum Erzählen verfährt, ja, die Lust auf Märchen wurde so zwingend, daß alle den weisen Raman baten, doch eine seiner wundervollen Geschichten zu erzählen.

Der kluge, alte Mann lächelte. Er überlegte einen Augenblick und rief dann: “Wir treffen uns an der Steinpalme, wenn die Feuer angezündet werden!” “Steinpalme? Was bedeutet das?” riefen sie hinter dem Alten her.

“Sucht sie!” Er sagte dies schon im Fortgehen. “Sucht sie! Der Baum ist nicht zu verfehlen.” Noch ehe die Nacht plötzlich hereinfiel, hatten sie den Baum gefunden.

Neben den vielen Palmen am Strand, die in ihrer schlanken Schönheit wie winkende Frauen zu sein schienen, stand diese eine etwas abseits, doch so, daß ihre starken, dunkelgrünen Blattfächer die neben ihr stehenden Bäume leicht berührte.

Es war eine eigenartig geformte Palme!

Sie wirkte gedrungen, mit einem mächtigen Stamm und starken Fächern, die in ihren Bewegungen sichtbare Mäßigung zeigten und nichts von der Heiterkeit hatten, die alle anderen Palmen so weiblich machte.

Das Merkwürdigste aber war die Krone der Palme! Der Baum neigte sich mit seinen Blattfächern zur Mitte hin.

“Seht nur genau hin”, sagte der alte Erzähler, der sich in ihre Mitte gesetzt hatte, “achtet- auf das nächste Wehen des Windes.” Und sie konnten es sehen!

Als der Wind die Fächer der Bäume etwas auseinander wehte, da sahen sie es: Im Herzen der Palme, dort, wo sonst die neuen, hellgrünen Triebe aus der Mitte des Stammes nach oben drängten, lag ein mächtiger, rötlicher Stein, ein Stein, wie unzählige am Strand herumlagen.

Raman ließ keine Zeit zum Fragen. Mit einer weiten Armbewegung zeigte er, daß sich alle im Kreis setzen sollen. Ein Feuer wurde in der Mitte angezündet, und die Nacht kam schnell und fiel über alles wie ein dunkles Tuch. Der Schein des Feuers erreichte den Stamm der großen Palme und malte auf den Schuppen bizarre Zeichen. Wenn eine Flamme hell aufflackerte, konnte man die Krone des mächtigen Baumes ahnen.

“Ihr wollt wissen, wie der große Stein dort oben hinaufgekommen ist?” begann Raman seine Erzählung. “Nun, dies geschah vor vielen, vielen Jahren, als diese mächtige Palme noch ein winziger Bäumling war. Hier waren damals noch keine Häuser, und es gab auch noch keinen Brunnen. Nur einige Palmen standen am Strand. Ihnen und dem kleinen Palmbaum genügte das, was sie aus dem Sandboden an Nahrung und vom Himmel an Feuchtigkeit bekamen.

Die kleine Palme liebte das Meer und die Musik des Wassers. Sie liebte den leisen Wind an den Spätnachmittagen und die plötzlich hereinbrechende, oft kalte Nacht mit ihrer schattenlosen Dunkelheit. Und sie liebte den Mond in den klaren Nächten, dessen Licht harte Umrisse malt und auf dem Meer lange Streifen zieht, die eine Ahnung von Unendlichkeit geben.

Der kleine Baum wußte, daß wenige Meter hinter ihm die Wüste war. Aber er hatte keine Vorstellung von ihr, er wußte nicht, was wasserlos und leer bedeutete. Er war ein kräftiger, glücklicher Palmenschößling.

Bis zu dem Tag, an dem der Mann kam.

Er kam durch die Wüste. Er war tagelang umhergeirrt, hatte sein Hab und Gut verloren und war vor Durst und Hitze fast um den Verstand gekommen. Seine Hände brannten wund vom vergeblichen Graben nach Wasser, und alles an ihm und in ihm war grenzenloser Schmerz. So stand er vor dem Wasser, vor dem endlosen, weiten, salzigen Wasser.

Der Mann warf seinen ausgedörrten Körper in das Wasser hinein, aber in seinem Mund mit den aufgerissenen Lippen und der dickpelzigen Zunge brannte der Durst, den das Salzwasser nicht stillen konnte. Da packte ihn ein rasender Zorn. “Ich habe Anspruch auf Wasser!'” schrie er. “Ich will leben, weil ich einen Anspruch darauf habe!”

Er griff nach einem großen Stein. Sein Zorn gab ihm Kräfte, die sein ausgedörrter Körper kaum noch hergeben konnte, und er schrie, schrie über die Grenzenlosigkeit des \Wassers, schrie gegen die Unauslöschbarkeit der Sonne, schrie gegen die Wüste und hinauf zu den unerreichbaren Kronen der Palmen. Drohend hatte er den Stein erhoben. Seine Arme zitterten, und es schien, als wolle alle Kraft ihn endgültig verlassen. Da sah er neben den großen Palmen, zwischen Geröll und Sand, den Palmenschößling stehen, in hellem Grün und voller Hoffnung auf jeden neuen Tag. “Warum lebst du?” schrie der Mann. “Warum findest du Nahrung und Wasser, und ich verdurste hier? Warum bist du jung und schön? Warum hast du alles und ich nichts? Du sollst nicht leben!” Mit aller noch vorhandenen Kraft preßte er den Stein mitten in das Kronenherz des jungen Baumes. Es knirschte und brach. Es war, ab vervielfachte sich das Knirschen und Brechen bis in die Unendlichkeit der Wüste und des Meeres. Und dann kam eine entsetzliche Stille!

Der Mann brach neben der kleinen Palme zusammen. Zwei Tage später fanden ihn Kameltreiber - man erzählt, daß er gerettet ,wurde.

Von den Treibern hatte sich keiner um den kleinen, zerschmetterten Palmbauern gekümmert. Er war unter der Last des Steines fast begraben, sein Tod schien unausweichlich. Seine heugrünen Fächerblätter waren abgebrochen, und in der heißen Glut der Sonne verdorrten sie schnell. Sein weiches Palmenherz war gequetscht, und der große Stein lastete so schwer auf dem zierlichen Stamm, daß er bei jedem leisen Windhauch abzubrechen drohte.

Doch der Mann hatte die kleine Palme nicht töten können. Er konnte sie verletzen, aber nicht töten.

Als sich in dem jungen Baum das entsetzliche Geräusch der brechenden Zweige, das Zerfasern der jungen Triebe und der brennende Scherz zusammenballten, als alles eine ungeheure, wolkenähnliche Masse von Schmerz und immer wieder Schmerz war, da regte sich gleichzeitig, daneben, ohne Verbindung zum Schmerz und allen zerstörenden Geräuschen, eine erste kleine Welle von Kraft. Und diese Welle vergrößerte sich, fiel in die Wellenbewegung des Schmerzes, wuchs, machte die Pausen zwischen Schmerz und Wieder-Schmerz länger und länger, bis die Kraft größer wurde als der Schmerz.

Der Baum versuchte, den Stein abzuschütteln. Er bat den Wind, ihm zu helfen. Aber es gab keine Hilfe. Der Stein blieb in der Krone, dem Herzen der kleinen Palme, und rührte sich nicht.

“Gib es auf”, sagte sich die kleine Palme, “es ist zu schwer. Es ist dein Schicksal, so früh zu sterben. Füge dich!” Laß dich selber los. Der Stein ist zu schwer.”

Aber da war eine andere Stimme, die sagte: “Nein, nichts ist zu schwer. Du mußt es nur versuchen, du mußt es tun.”

“Wie soll ich es tun?” fragte die Palme, “der Wind kann mir nicht helfen. Ich stehe allein in meiner Schwachheit. Ich kann den Stein nicht abwerfen.”

“Du mußt ihn nicht abwerfen”, sagte wieder die andere Stimme. “Du mußt die Last des Steines annehmen. Dann wirst du erleben, wie deine Kräfte wachsen.”

Und der junge Baum nahm in all seiner Not seine Last an und verschwendete keine Kraft mehr an das Bemühen, den Stein abzuschütteln. Er nahm ihn in die Mitte seiner Krone. Er klammerte sich mit langen, kräftiger werdenden Wurzeln in den Boden, denn er brauchte mit seiner doppelten Last einen doppelten Halt. Dann kam der Tag, an dem sich die Wurzeln der Palme so tief gesenkt hatten, daß sie auf eine Wasserader stießen. Befreit schoß eine Quelle nach oben, und sie hat diesen Platz hier zu einem Ort der Freude und des Wohlstands gemacht.

Nun, als der Baum festen Halt im Grund hatte und dort dauernde Nahrung fand, begann er, nach oben zu wachsen. Er legte breite, kräftige Fächerzweige um den Stein herum. Man konnte manches Mal meinen, daß er den Stein beschütze.

Sein Stamm gewann mehr und mehr an Umfang, und mochten auch alle anderen Palmen am Strand höher und lieblicher sein, der Palmbaum, den die Leute bald die Steinpalme nannten, war unbestritten der mächtigste Baum. Seine Last hatte ihn aufgefordert, und er hatte den Kampf gegen seinen Kleinmut aufgenommen. Er hat diesen Kampf gewonnen. Er hat eine Quelle freigelegt, die seither den Durst vieler löscht, und, was sicher das Wichtigste ist, der Baum hat seine Last angenommen und hoch hinausgetragen. Sie liegt auch heute noch auf seinem Herzen, aber sie ist in seinem Dasein an eine Stelle gerückt, die sich tragbar macht. Nur die äußere Last erscheint uns untragbar. Ist sie angenommen, wird sie Teil von uns selbst.

Raman, der Erzähler, legte beide Hände an den Stamm der großen Palme. Das Feuer war fast niedergebrannt. Die Zuhörer verließen einer nach dem anderen den Platz. Nur einer blieb noch. Er war spät gekommen und hatte ein wenig abseits gesessen. Er setzte sich nun zu Raman, und beide saßen lange ohne Worte.

“Ich bin der Mann, der den Stein auf die Palme gedrückt hat”, sagte der Mann. “Ich hatte es vergessen, doch deine Erzählung weckte alles wieder auf. Was soll ich tun? Ich fühle Schuld.”

“Dann trage diese Schuld wie der Baum den Stein”, antwortete Raman.  "Nimm die Schuld an. Versuche, soviel du vermagst, davon in Liebe zu verwandeln. Vergiß dabei nicht, daß Liebe etwas ist, was man tun muß. Es nützt nichts, sie nur zu erkennen und um ihre Notwendigkeit zu wissen. Liebe ist Leben und wächst allein aus dem Tun.”

Die Männer saßen noch lange unter der Palme, und es war ein leichter Wind, der das Feuer wieder zum Brennen brachte.

Stand 23/02/05

Totgeburt, Verwaiste Eltern, Stille Geburt, Fehlgeburt, Tod, Trauer, Tränen, Weinen, still geboren, Frühtod, Gestationsdiabetes, Folgeschwangerschaft, Sternenkinder, Spät Abort