Kalenderblatt September

Wir denken an Euch

Die Geburts- und auch Todestage unserer Kinder sind für uns immer etwas ganz besonderes. Es tut gut, wenn man weiß, auch andere denken noch an unsere Kinder. Jede Geste, die wir erhalten, sei sie auch noch so klein, bringt Licht in unsere Herzen.

11. Julius-Finn
13. 27. Franziska11. Julius-Finn
13. 27. Franziska

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Taube
Symbol der Treue, des Friedens und der Trauer

Nun wußte Noah:
Bald ist es soweit.
Er öffnete das Fenster
und ließ eine Taube hinausfliegen.
Aber am Abend kam die Taube zurück.
Sie hatte kein Futter gefunden.

Da wartete Noah noch eine Woche.
Danach ließ er noch einmal eine Taube hinausfliegen.
Und wieder kam sie zurück.
Aber diesmal hielt sie
ein Ölblatt im Schnabel,
als wollte sie sagen:
„Seht doch, die Bäume tagen schon wieder Blätter!“Noch einer Woche verging.
Danach ließ Noah noch einmal
die Taube hinausfliegen.
Aber diesmal kam sie
nicht mehr zurück.
Da deckte Noah das Dach ab
und schaute hinaus.
Und siehe da:
das Land war wieder trocken.

1. Mose 8.18

Da gedacht Gott an Noah...
Predigt über Genesis 8,1-12

Liebe Gemeinde!

Da gedachte Gott an Noah...

Wochen und Monate schwamm die Arche auf der Flut, die über die Welt hereingebrochen war. Noah hatte sie gebaut, auf Anordnung Gottes. Und dann war das Wasser gekommen. 40 Tage langer Dauerregen. Es war, als hätten sich alle Schleusen des Himmels geöffnet und dazu quoll das Wasser aus allen Ecken und Ende hervor. Alles Leben, so der biblische Text, verschwand unter den Wassermassen. Bis auf Noah und seine Arche. Völlig allein dümpelte das Schiff auf dem endlosen Meer. Scheinbar verlassen. 

Da gedachte Gott an Noah...

Und die Wasser fallen. Und es folgt unser Predigttext.

Liebe Gemeinde, 

ich möchte mich nicht an den Spekulationen beteiligen ob und wie viel historisch an dieser Geschichte dran ist, ob es je eine Arche oder eine weltweite Flut gab. Sicher ist lediglich, dass viele Kulturen und Religionen Sintflutgeschichten erzählen. Also muss etwas dran sein, was die Menschen von je her fasziniert und angesprochen hat. Langweilige und uninteressante Geschichten erzählt keiner, besser: will keiner hören. Ich will daher die Geschichte von Noah etwas anders erzählen.

Da gedachte Gott an Noah...

Menschen kennen Momente, in denen alles über sie hereinzubrechen droht. 

Ich erfahre, dass ich eine schwere Krankheit habe. 

Es klingelt und an der Tür steht ein Polizist und teilt mir mit, dass mein Kind bei einem Unfall ums Leben kam. 

Ich werde zum Chef bestellt und erfahre, dass ich zum nächsten 1. stempeln gehen kann. 

Mein Klassenlehrer erklärt mir, dass ich nicht versetzt werde. 

Usw. usw.

Es gibt solche Momente, in denen mein Leben überschwemmt wird und alles anders aussieht, was gewesen ist, ist weggespült und ich weiß: es wird nie wieder so sein wie früher. Die Sintflutgeschichte beschreibt nun, dass es möglich ist, solche Katastrophen zu überleben und beschreibt den Weg dahin.

Ein langer Weg. Einhundertfünfzig Tage und Nächte passiert zunächst einmal gar nichts. Für Menschen, denen alles unter den Füßen weggebrochen ist, eine schier unendlich lang erscheinender Zeitraum. Ewig das gleiche sehen. Meine Welt reduziert auf das bißchen, das mir geblieben ist. Für Noah die Arche. Für einen trauernden Menschen sein Schmerz und seine Tränen. Für einen schwerkranken Menschen die Gedanken, die sich nur noch um Krankheit drehen. Einhundertfünfzig Tage und Nächte, das ist sehr lange. Für viele zu lange. Die Flucht in Alkohol oder Schlimmeres ist da oft eine Versuchung. Einhundertfünfzig Tage und Nächte. Die Bibel ist manchmal schmerzhaft realistisch.

Aber dann doch, nach langer, langer Zeit erste ganz kleine Zeichen der Hoffnung. Meist so klein, dass sie  leicht übersehen werden. Noahs Arche setzt auf einem Berg auf. Vielleicht zunächst nur ein kleiner Ruck, kaum spürbar. Vielleicht das erste laute Lachen nach dem Verlust eines Menschen. Und ich erschrecke im ersten Moment und frage mich danach: darf ich das überhaupt? Oder zum ersten Mal das Gefühl, du könntest nah langer Krankheit wieder auf die Beine kommen. Obwohl der Zweifel und die Unsicherheit nach so langer Zeit nicht weit sind. Schwere Krisen und Veränderungen zu bewältigen, das dauert eben seine Zeit.

40 Tage lang unternimmt Noah nichts. Er sieht, wie die Wasser fallen, aber noch ist die Zeit nicht reif für weitere Unternehmungen. So ist es auch in menschlichen Krisenzeiten. Vom ersten Gefühl der Hoffnung bis zu ersten hoffnungsvollen neuen Schritten dauert es oft noch viel Zeit.

Aber dann ist es soweit. Noah lässt einen Raben fliegen, der nicht zurückkommt. Dann eine Taube, die zurück kommt, weil sie keinen trockenen Platz gefunden hat. Auch der Trauernde oder allmählich gesundende Mensch versucht eines Tages neue Schritte, probiert Kleinigkeiten, schaut was passiert, wenn ich etwas ganz Neues wage. Vielleicht eine erste Verabredung oder der Besuch einer Party, vielleicht ein erster Spaziergang ohne Stock und Begleitung. Nicht alles wird gefallen oder klappen, der Versuch mit dem Raben bringt Noah auch nicht weiter, wohl aber die Taube.

Und daher probiert er es mit der Taube noch einmal. Und siehe da, bringt erst ein Blatt und ein paar Tage weiter kommt die Taube nicht zurück. Im Leben nach der Trauer, nach der Krankheit, nach der Krise, wird es oft auch so gehen. Was mir gelingt, mir Freude schafft, weitere Hoffnung schafft, das werde ich weiter verfolgen, vertiefen, meinen Radius vergrößern.

Und eines Tages wird es dann soweit sein: ich merke, das alte liegt hinter mir, es ist nicht vergessen, und der Schmerz, die Erinnerung, aber auch Dankbarkeit wird bleiben. Und doch kommt der Moment, in dem ich mich in meinem neuen Leben zuhaue fühle. Oft ein ungewohnter, manchmal auch angsteinflößender Moment. Denn das alte vertraute gibt es nicht mehr, ich lebe nun hier. So wie Noah mit seiner Familie die Arche verlässt und ein neues Leben beginnt, mit allem und jedem ganz neu von vorne anfangen muss.

Liebe Gemeinde,

vielleicht klingt dieser Versuch die Sintflutgeschichte in Beziehung zu vielfältigen menschlichen Krisenzeiten zu setzen, ungewöhnlich in ihren Ohren. Für mich jedenfalls ist dieser Versuch auch eine Antwort darauf, warum diese Geschichte nach wie vor so fasziniert. Und er erklärt auch die Kleinigkeiten unseres Predigttextes auf einfache Art und Weise, wie zum Beispiel die Panne mit dem Raben.

Eins aber fehlt noch. Von Gott war jetzt gar nicht mehr die Rede. Im Predigttext kommt er ja auch nur in dem einleitenden Satz vor: Da gedachte Gott an Noah. Aber das ist mehr als eine Einleitung. Das ist die Überschrift, die über dem ganzen Geschehen steht. Für meine Auslegung heißt das dann doch: Krisen, Katastrophen, mein Leben umwälzende Ereignisse geschehen, können geschehen. Und es mag sein, dass ich mir dann von Gott ganz und gar verlassen vorkomme und vielleicht auch von den Menschen. Aber dieser einleitende Satz hier: da gedachte Gott an Noah, der heißt dann übersetzt: da gedachte Gott an dich und mich oder besser: Gott wird meiner gedenken, in allen Krisen die mich treffen können verlässt er mich nicht. So wie er Noah die Treue hält, so auch mir. Auch wenn mir die Zeit manchmal sehr lang werden kann und ich vor lauter Wasser kein Land mehr sehe.

Amen.

Ein stilles Lächeln 
auf Deinem friedlichen Gesicht
sagt mir
sei nicht traurig 

Wurde er Dir erfüllt
der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
der Wunsch verschont zu bleiben
doch ich darf nicht mit Dir gehen
muß zurückbleiben
alleine
hoffe daß ich aus der Sintflut und Finsternis 
immer wieder stets heiler und stärker
entlassen werde
damit ich irgendwann
die Taube erkenne
wenn sie mir den Zweig vom Ölbaum bringt

Pirko Lehmitz 15.02.199.

Bitte

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
wir werden durchnäßt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch, verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
daß die Frucht so bunt wie die Blüte sei
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilde

Und, daß wir aus der Flut
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer wieder versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst entlassen werden

Hilde Dormin,
Gedichte „Ich will dich“

Kreuz und Taube
Fensterpredigten von Pfr. Beat Fuhrer

Dies Fenster heisst «Kreuz und Taube». Es wurde geschaffen vom Winterthurer Künstler Hans Affeltranger

Über das Kreuz hinaus aber fliegt die Taube in geschwungenem Flug durch den Himmel auf die Welt. Die weisse Taube ist ein altes Symbol. Sie kommt schon in der Geschichte von Noah und seiner Arche vor. Dort wird sie mit dem Ölblatt im Schnabel zum Zeichen der Hoffnung - die Erde grünt wieder. Später wurde diese Taube das Zeichen des Friedens. In ihrer ganzen Verletzlichkeit kündet sie an, dass es etwas anderes gibt als Gewalt und Krieg. Der Ölzweig wird zum Zeichen für das, was auf der Welt wachsen muss: Freundschaft und Versöhnung.

Bei der Taufe von Jesus fliegt eine Taube vom Himmel und setzt sich auf Jesus. Sie verkörpert den Heiligen Geist, der jetzt auf Jesus ruht. Mit diesem Zeichen bekennt sich der Himmel zu Jesus. Auf ihn sollen die Menschen hören, sein Leben und seine Worte verschaffen den Menschen die Freiheit des Vogels am Himmel.

Hinter der Taube hat es, übers Kreuz versetzt - dunkles Blau und Purpur. Oberhalb der Taube ist ein gelbes Feld. Blau ist für Affeltranger die Farbe des Glaubens an das Leben. Purpur ist in der liturgischen Tradition der Kirche die Farbe des Leides und der Trauer. Die gelbe Farbe könnte man als Hinweis auf das Feuer des Heiligen Geistes verstehen. Auch hier klingen wieder die Grundfarben an: Rot, Blau und Gelb, wie schon hinter dem Kreuz, aber hier in dunkleren Tönen.

Die Taube ist im Verhältnis zum Kreuz zu gross dargestellt. Der Friede ist grösser als das Leid. Die Hoffnung stärker als die Trauer, das Leben stärker als der Tod. Die Taube vereinigt beides miteinander, Freude und Leid, Hoffnung und Trauer. Beides hat bei Gott Platz.

Die Taube sprengt mit ihrem rechten Flügel die Grenze des Bildfeldes. Der Heilige Geist hält sich nicht an die menschlichen Konventionen. "Der Geist wirkt, wo er will", steht in der Bibel. Überall wo wir in unseren Strukturen und Vorstellungen gefangen sind, eröffnet der göttliche Geist neue Grenzen und Möglichkeiten. Wo unsere Gedanken in unseren eigenen Kreisen eingeschlossen sind, eröffnet er neue Dimensionen und Räume: "Wo der Geist ist, da ist Freiheit", sagt ein anderes Bibelzitat

Die Taube ist das Symbol des Schöpfungswassers, der Urfeuchte (Der Geist Gottes schwebte über den Wassern wie ein Taube). In der frühchristlichen Kunst war die Taube Symbol der Seele, später der Apostel und fast ausschließlich Symbol des heiligen Geistes. Als Symbol der Auferstehung wurden Tauben in den Gräbern der Märtyrer gelegt und die Grablampen sowie die kirchlichen Geräte erhielten Taubengestalt. In Rußland dürfen keine Tauben getötet werden, weil sie nach dem Volksglauben die Herbergen der Seelen der Verstorbenen sind.

(Meyers Großes Konversations-Lexikon, 6. Auflage1908)

Taube

In der christlichen Tradition gilt die Taube als Symbol für den Heiligen Geist. In der Geschichte der Sintflut sendet Noah eine Taube aus, die am Abend mit einem Ölzweig zurückkehrt und damit anzeigt, dass Gott Frieden geschlossen hat mit den Menschen. Von diesem Bild her ist die weiße Taube zu einem weltweiten Symbol für den Frieden geworden.

 

Kind mit Taube von Picasso

Die Brüder Löwenherz
von Astrid Lindgren

Jetzt will ich von meinem Bruder erzählen. Von ihm, Jonathan Löwenherz, will ich erzählen. Es ist fast wie ein Märchen, finde ich, und ein klein wenig auch wie eine Gespenstergeschichte und doch ist alles wahr. Aber das weiß keiner außer mir und Jonathan.

Anfangs hieß Jonathan nicht Löwenherz. Er hieß mit Nachnamen Löwe, genau wie Mama und ich. Jonathan Löwe hieß er. Ich heiße Karl Löwe und Mama Sigrid Löwe. Papa hieß Axel Löwe, doch als ich zwei Jahre alt war, ging er weg von uns und fuhr zur See und seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.

Aber ich wollte ja erzählen, wie es kam, dass mein Bruder Jonathan zu Jonathan Löwenherz wurde. Und all das Seltsame, was dann geschah. Jonathan wusste, dass ich bald sterben würde. Ich glaube, alle wussten es, nur ich nicht. Sogar in der Schule wussten sie es, denn ich lag ja nur zu Hause, weil ich hustete und immer krank war. Das letzte halbe Jahr hatte ich überhaupt nicht mehr zur Schule gehen können. Alle Frauen, für die Mama Kleider nähte, wussten es auch. Einmal redete eine mit ihr darüber und ich hörte es zufällig, ohne dass ich es wollte. Sie dachten, ich schlafe. Ich lag aber nur mit geschlossenen Augen da. Und das tat ich auch weiterhin, denn ich wollte mir  nicht anmerken lassen, dass ich dieses Schreckliche gehört hatte dass ich bald sterben würde.

Natürlich wurde ich traurig und bekam furchtbare Angst und das wollte ich Mama nicht zeigen. Aber als Jonathan nach Hause kam, erzählte ich es ihm. »Weißt du, dass ich bald sterben muss?«, fragte ich und weinte. Jonathan dachte ein Weilchen nach. Er antwortete mir wohl nicht gem, doch schließlich sagte er: »Ja, das weiß ich.« Da weinte ich noch mehr. »Wie kann es nur so was Schreckliches geben?«, fragte ich. »Wie kann es so was Schreckliches geben, dass manche sterben müssen, wenn sie noch nicht mal zehn Jahre alt sind?« »Weißt du, Krümel, ich glaube nicht, dass es so schrecklich ist«, sagte Jonathan. »Ich glaube, es wird herrlich für dich.« »Herrlich?«, sagte ich. »Tot in der Erde liegen, das soil herrlich sein?!« »Aber geh«, sagte Jonathan. »Was da liegt, ist doch nur so etwas wie eine Schale von dir. Du selber fliegst ganz woandershin.« »Wohin denn?«, fragte ich, denn ich konnte ihm nicht recht glauben. »Nach Nangijala«, antwortete er. Nach Nangijala - das sagte er so einfach, als wüsste das jeder Mensch. Aber ich hatte noch nie etwas davon gehört. »Nangijala«, sagte ich, »wo liegt denn das?«

Da sagte Jonathan, das wisse er auch nicht genau. Es liege irgendwo hinter den Sternen. Und er fing an von Nangijala zu erzählen, sodass man fast Lust bekam auf der Stelle hinzufliegen.  »Dort ist noch die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen«, sagte er, »und das wird dir gefallen.« Von dort, aus Nangijala, stammten alle Märchen und Sagen, sagte Jonathan, denn gerade dort passiere ja all so was. Wenn man dort hinkomme, erlebe man von früh bis spät und sogar nachts Abenteuer.

»Das ist was, Krümel!«, sagte er. »Das ist was anderes als im Bett liegen und husten und krank sein und nie spielen können.«

Jonathan nannte mich Krümel. Das hatte er schon getan, als ich noch klein war, und als ich ihn einmal fragte, warum er mich so nannte, sagte er, weil er Kuchenkrümel sehr gem möge, besonders solche Krümel wie mich. Ja, Jonathan hatte mich gem und das war merkwürdig. Denn ich war schon immer ein recht hässlicher und ziemlich dummer, ängstlicher Junge mit krummen Beinen gewesen. Ich fragte Jonathan, wie er einen so hässlichen und dummen Jungen mit krummen Beinen bloß gem haben könne, und da antwortete er: »Wenn du nicht so ein liebes und hässliches kleines Blassgesicht mit krummen Beinen wärst, dann wärst du ja nicht mein Krümel, den ich gem habe.«

Aber an dem Abend, als ich mich so vor dem Sterben fürchtete, sagte er mir, dass ich in Nangijala sofort gesund und stark und sogar hübsch sein würde. »Genauso hübsch wie du?«, fragte ich. | »Hübscher«, antwortete Jonathan. Doch das konnte er mir nicht einreden. Denn einen so hübschen Jungen wie Jonathan hat es noch nie gegeben und kann,  es nirgends geben.

Einmal hatte eine von Mamas Kundinnen gesagt: »Liebe Frau Löwe, Sie haben einen Sohn, der wie ein Märchenprinz aussieht!«

Und damit hatte sie nicht etwa mich gemeint, das steht fest! Jonathan sah wirklich wie ein Märchenprinz aus. Sein Haar glänzte wie Gold und er hatte schöne dunkelblaue Augen, die richtig leuchteten, und schöne weiße Zähne und ganz gerade Beine. Und nicht nur das. Er war auch gut und stark und konnte alles und verstand alles und war der Beste in seiner Klasse und alle Kinder unten auf dem Hof hingen, wo er ging und stand, wie die Kletten an ihm und er erfand Spiele für sie und zog mit ihnen auf Abenteuer aus. Ich konnte nie dabei sein, denn ich lag ja nur tagaus, tagein in der Küche auf meiner alten Schlafbank. Aber wenn Jonathan nach Hause kam, erzählte er mir alles, was er erlebt hatte. Stundenlang konnte er bei mir auf der Bettkante sitzen und erzählen. Jonathan schlief auch in der Küche, aber auf einem Klappbett, das er abends aus der Abstellkammer holte. Und wenn er zu Bett gegangen war, erzählte er mir Märchen und Geschichten, bis Mama aus dem Zimmer rief: »Jetzt ist aber Schluss! Karl muss schlafen.«

Aber wenn man husten muss, kann man nicht gut schlafen. Manchmal stand Jonathan mitten in der Nacht auf und machte mir heißes Honigwasser, um meinen Husten zu lindern. Ja, Jonathan war lieb! An jenem Abend, als ich mich so vor dem Sterben fürchtete, saß er viele Stunden bei mir und wir sprachen von Nangijala, aber ziemlich leise, damit Mama uns nicht hörte. Sie blieb wie gewöhnlich lange auf und nähte und die Nähmaschine steht in  der Stube, dort, wo Mama schläft - wir haben ja nur diese eine Stube und die Küche. Die Tür war angelehnt und wir konnten Mama singen hören. Sie sang immer dasselbe Lied vom Seemann weit draußen auf dem Meer, wahrscheinlich dachte sie dabei an Papa. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran und weiß nur noch ein paar Zeilen daraus und die gehen so:

    Liebste, fall ich zum Raube dem wilden Meer,
    fliegt eine weiße Taube zu dir hierher.
    Lass sie, o Liebste, zum Fenster hinein!
    Mit ihr wird meine Seele dann bei dir sein.

Es ist ein schönes, trauriges Lied, finde ich. Doch als Jonathan es an jenem Abend hörte, lachte er und sagte: »Du, Krümel, vielleicht kommst auch du eines Abends zu mir geflogen. Aus Nangijala. Und sitzt als schneeweiße Taube auf dem Fensterblech, tu das doch bitte!« Gerade da ring ich an zu husten und er richtete mich auf und hielt mich umfasst wie immer, wenn es am schlimmsten war, und dann sang er:

    Kommt sie, mein Krümel, zum Fenster hinein!
    Dann wird deine Seele bei mir sein.

Erst da musste ich daran denken, wie es in Nangijala ohne Jonathan sein würde. Wie einsam ich ohne ihn wäre. Was nützten mir denn die Sagen und Abenteuer, wenn Jonathan nicht dabei war. Ich würde nur Angst bekommen und mir nicht zu hellen wissen. »Ich will nicht dorthin«, sagte ich und weinte. »Ich will da sein, wo du bist, Jonathan!« »Aber ich komme ja auch nach Nangijala«, sagte Jonathan. »So mit der Zeit.« »So mit der Zeit, ja«, sagte ich. »Aber du wirst vielleicht neunzig Jahre alt und bis dahin muss ich allein dort sein.«

Da erzählte Jonathan, dass die Zeit in Nangijala nicht ebenso sei wie hier auf Erden. Selbst wenn er neunzig Jahre alt würde, käme mir das vor, als dauerte es nur etwa zwei Tage, bis er da wäre. Denn so sei es, wenn es keine richtige Zeit gebe. »Zwei Tage wirst du wohl allein aushalten können«, sagte er. »Du kannst ja inzwischen auf Bäume klettern und dir ein Lagerfeuer im Wald machen und an einem kleinen Bach sitzen und angeln. Du kannst all das tun, wonach du dich immer so sehr gesehnt hast. Und gerade wenn du einen Barsch an der Angel hast, komme ich angeflogen und dann sagst du: >Ja, meine Güte, Jonathan, bist du schon da?<« Ich versuchte mit dem Weinen aufzuhören, denn ich dachte, zwei Tage würde ich es wohl aushalten können. »Aber stell dir vor, wie gut es wäre, wenn du zuerst da wärst«, sagte ich. »Wenn du schon dort sitzen und angeln würdest.« Das fand Jonathan auch. Er sah mich lange an, so liebevoll, wie er es immer tat, und ich merkte, dass er traurig war, denn er sagte leise und fast bekümmert: »Stattdessen muss ich ohne meinen Krümel hier auf Erden leben. Vielleicht neunzig Jahre lang!«

Ja, das glaubten wir!

JETZT KoMME ICH ZU DEM SCHRECKLICHEN. Zu DEM, WORAN ICH NICHT ZU DENKEN WAGE. UND WORAN ICH DOCH STÄNDIG DENKEN MUSS.

Mein Bruder Jonathan - er könnte ja noch immer bei mir sein, mir abends etwas erzählen, in die Schule gehen und mit den Kindern auf dem Hof spielen, mir Honigwasser wärmen und all das, doch so ist es nicht... so ist es nicht! Jonathan ist jetzt in Nangijala. Es ist schwer, ich kann, nein, ich kann es nicht erzählen. Aber so stand es hinterher in der Zeitung:

    Gestern Abend wütete hier in der Stadt im Viertel Fackelrose eine entsetzliche Feuersbrunst, die eines der dortigen Holzhäuser einäscherte und ein Menschenleben forderte. In einer daselbst befindlichen Wohnung im zweiten Stock lag der zehnjährige Knabe Karl Löwe allein und krank w Bett, als das Feuer ausbrach. Kurz danach kehrte sein Bruder, der dreizehnjährige Jonathan Löwe, heim und stürzte sich, ehe ihn jemand daran zu hindern vermochte, in das bereits lichterloh brennende Haus, um den Bruder w retten. In Sekundenschnelle war jedoch auch das ganze Treppenhaus ein einziges Flammenmeer und den beiden durch das Feuer eingeschlossenen Knaben blieb als einzige Rettung der Sprung aus dem Fenster. Die vor dem Haus versammelte entsetzte Menschenmenge musste machtlos mit ansehen, wie der Dreizehnjährige seinen Bruder auf den Rücken nahm und sich mit ihm, während das Feuer hinter ihm loderte, ohne Zaudern aus dem Fenster stürzte. Bei dem Aufprall auf dem Erdboden verletzte sich der Knabe Jonathan so schwer, dass erfast unmittelbar darauf starb. Derjüngere Bruder Karl hingegen, den er bei dem Sturz mit seinem Körper geschützt hatte, kam unverletzt davon. Die Mutter der beiden Bruder, die zur Zeit des Geschehens eine Kundin besuchte - sie ist Schneiderin -, erlitt bei der Heimkehr einen schweren Schock. Die Ursache für das Entstehen der Feuersbrunst ist bisher noch ungeklärt.

Auf einer anderen Seite der Zeitung stand mehr über Jonathan. Seine Lehrerin hatte es geschrieben. Dort hieß es:

    Lieber Jonathan Löwe, hättest du nicht eigentlich Jonathan Löwenherz heissen müssen? Weißt du noch, wie wir in der Schule im Geschichtsunterricht von einem mutigen englischen König namens Richard Löwenherz lasen ? Weißt du noch, wie du damals sagtest: »So mutig, dass später darüber in den Geschichtsbüchern berichtet wird,

    so mutig würde ich nie sein können.« Lieber Jonathan, selbst wenn in den Geschichtsbüchern nichts über dich geschrieben steht, so warst du im entscheidenden Augenblick doch ganz gewiss ebenso mutig, ganz gewiss warst auch du ein Held. Deine alte Lehrerin wird dich nie vergessen. Auch deine Kameraden werden deiner lange gedenken. In der Klasse wird es uns ohne unseren fröhlichen, hübschen Jonathan leer vorkommen. Aber wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben. Jonathan Löwenherz, ruhe in Frieden!

    Greta Andersson

Jonathans Lehrerin ist ziemlich albern, aber sie hat Jonathan sehr gem gehabt, genau wie alle anderen. Und dass sie sich das mit dem Namen Löwenherz ausgedacht hat, war gut, wirklich gut!

In der ganzen Stadt gibt es bestimmt keinen einzigen Menschen, der nicht um Jonathan trauert und der es nicht besser gefunden hatte, wenn ich statt seiner gestorben wäre. Das ist mir durch all die Frauen klar geworden, die hier dauernd mit ihren Stoffen und Spitzen und all dem Krimskrams angelaufen kommen. Wenn sie durch die Küche gehen, sehen sie mich an und seufzen und sagen dann zu Mama: »Arme Frau Löwe! Ausgerechnet Jonathan, der so etwas Besonderes war!«

Jetzt wohnen wir im Haus nebenan in genau so einer Wohnung, nur dass sie im Erdgeschoss liegt. Von der Fürsorge haben wir ein paar gebrauchte Möbel bekommen und auch die Frauen haben uns allerlei geschenkt. Ich liege auf fast der gleichen Bank wie früher. Alles ist fast genauso wie früher. Und alles, aber auch alles ist anders als früher! Denn hier gibt es keinen Jonathan mehr. Niemand sitzt abends bei mir und erzählt mir etwas, ich bin so allein, dass es in der Brust wehtut. Und mir bleibt nichts anderes übrig als die Worte leise vor mich hin zu sagen, die Jonathan kurz vor seinem Tode gesprochen hat, als wir beide nach dem Sprung auf der Erde lagen. Zuerst lag er mit dem Gesicht nach unten da, aber dann drehte ihn jemand auf den Rücken, sodass ich sein Gesicht sah. Aus dem Mundwinkel floss ein wenig Blut und er konnte kaum sprechen. Doch es schien, als versuchte er trotzdem zu lächeln, und er brachte ein paar Worte hervor. »Weine nicht, Krümel, wir sehen uns in Nangijala wieder!«

Nur diese Worte hat er gesagt, sonst nichts. Dann schloss er die Augen und es kamen Leute und trugen ihn fort und ich habe ihn nie wieder gesehen. In der ersten Zeit danach wollte ich mich nicht daran erinnern. Doch etwas so Schreckliches und Schmerzliches lässt sich nicht vergessen. Ich habe hier auf meiner Bank gelegen und an Jonathan gedacht, bis ich glaubte, der Kopf werde mir zerspringen; mehr als ich mich nach ihm gesehnt habe, kann man sich nicht sehnen. Angst habe ich auch gehabt. Mir kam der Gedanke: Wenn es nun nicht wahr ist, dies mit Nangijala! Wenn es nur einer von den vielen lustigen Einfällen war, die Jonathan so oft gehabt hat. Ich habe viel geweint, ja, das habe ich. Aber dann ist Jonathan gekommen und hat mich getröstet. Er kam und alles war beinahe wieder gut. Selbst dort in Nangijala wusste er wohl, wie es mir ohne ihn ging, und meinte, er müsse mich trösten. Deshalb ist er zu mir gekommen und jetzt bin ich auch nicht mehr so traurig, jetzt warte ich nur noch. Er kam eines Abends vor nicht allzu langer Zeit. Ich war allein zu Hause und lag da und weinte und war so ängstlich und so unglücklich und krank und elend, wie es sich gar nicht sagen lässt. Das Küchenfenster stand offen, denn jetzt im Frühling sind die Abende warm und schön. Ich hörte draußen die Tauben gurren. Auf dem Hinterhof gibt es haufenweise Tauben. Und jetzt im Frühling ist es ein ewiges Gegurre.

Da geschah es:

Wie ich dort liege und in das Kissen weine, höre ich dicht neben mir ein Gurren, und als ich aufblicke, sitzt eine Taube auf dem Fensterblech und sieht mich mit freundlichen Augen an. Eine schneeweiße Taube, wohlgemerkt, nicht so eine graue wie die Tauben auf dem Hof! Eine schneeweiße Taube - niemand kann verstehen, wie mir zu Mute war, als ich sie sah. Denn es war ja genauso wie im Lied: »... fliegt eine weiße Taube zu dir hierher...« Und mir war, als hörte ich wieder Jonathan singen:

»Dann wird meine Seele bei dir sein.« Doch jetzt war er es, der zu mir gekommen war. Ich wollte etwas sagen, konnte aber nicht. Ich lag nur still da und hörte die Taube gurren und durch dieses Gurren oder in diesem Gurren, oder wie ich es sagen soil, hörte ich Jonathans Stimme. Auch wenn sie anders klang als sonst. Es war wie ein Gewisper in der ganzen Küche. Das hört sich fast wie eine Spukgeschichte an und man hatte sich fürchten können, aber das tat ich nicht. Ich freute mich so sehr, dass ich am liebsten an die Decke gesprungen wäre. Denn was ich da hörte, war wunderbar. Aber gewiss doch, natürlich war es wahr, das mit Nangijala! Ich solle mich beeilen auch dorthin zu kommen, sagte Jonathan, denn dort habe man es gut, rundherum gut. Man stelle sich vor, als er dorthin gekommen war, hatte er ein Haus vorgefunden, ein eigenes Haus ganz für sich allein. Das hatte dort in Nangijala auf ihn gewartet. Es sei ein altes Gehöft, sagte er, Reiterhof heiße es und liege im Kirschtal, klinge das nicht herrlich? Und das Erste, was er erblickt hatte, als er zum Reiterhof gekommen war, war ein kleines grünes Schild an der Gartenpforte und darauf stand: Die Bruder Löwenherz. »Und das bedeutet, dass wir beide dort wohnen werden«, sagte Jonathan.

Man stelle sich vor, dass auch ich Löwenherz heißen soil, wenn ich nach Nangijala komme! Darüber freue ich mich, denn ich möchte ja am liebsten genauso heißen wie Jonathan, auch wenn ich nicht so mutig bin wie er. »Komm, so schnell du kannst«, sagte er. »Und wenn du mich nicht zu Hause auf dem Reiterhof findest, dann sitze ich unten am Fluss und angle.« Danach wurde es still und die Taube flog davon. Schnurgerade über die Hausdächer. Zurück nach Nangijala.

Und ich liege hier auf meiner Bank und warte nur darauf, hinterherfliegen zu können. Hoffentlich ist es nicht zu schwierig, dort hinzufinden. Aber Jonathan hat gesagt, dass es gar nicht schwer ist. Sicherheitshalber habe ich die Adresse aufgeschrieben:

    Die Bruder Löwenherz
    Reiterhof
    Kirschtal
    Nangijala

Schon zwei Monate lang wohnt Jonathan dort allein. Zwei lange, schreckliche Monate habe ich ohne ihn sein müssen. Aber jetzt komme ich auch bald nach Nangijala. Bald, bald werde ich dorthin fliegen. Vielleicht heute Nacht. Mir ist, als könnte es heute Nacht sein. Ich will einen Zettel schreiben und ihn auf den Küchentisch legen, damit Mama ihn morgen früh findet. Und das soll auf dem Zettel stehen:

»Weine nicht, Mama! Wir sehen uns wieder in Nangijala!«

Stand 23/02/05