Hamburger Abendblatt 9.12.2000

Tobias ist tot - und doch immer da

Wie drei Mütter den Verlust ihres Kindes verarbeiten und wie ein Verein dabei hilft

 Von ELISABETH JESSEN

Reppenstedt - Der silberne Stern bewegt sich sachte, immer wenn ein Luftzug durch das Wohnzimmer strömt. "Tobias, 22. 8 1997" steht darauf. Es ist sein Geburts- und Sterbedatum. Der Junge kam in der 24. Schwangerschaftswoche mit 530 Gramm zur Welt. Er starb während der Geburt.

   Der silberne Stern ist eine Erinnerung an den ökumenischen Gedenkgottesdienst für gestorbene Töchter und Söhne, den der Verein "Verwaiste Eltern" stets am zweiten Sonntag im Dezember in Adendorf bei Lüneburg veranstaltet. "Dieser Termin gehört unseren gestorbenen Kindern", sagt Tobias' Mutter Pirko Lehmitz (33). "Bei dieser Feier wird sein Name laut ausgesprochen."

   Erst am 22. Dezember 1997 sollte das Baby der Rechtsanwältin zur Welt kommen. Ausgelöst durch eine Infektion mit Streptokokken, kam Tobias viel zu früh - und starb. Die Trauer ließ damals eine Woche auf sich warten, erinnert die Mutter sich. Dann brach die Verzweiflung über sie herein.

   "Zwei Monate nach Tobias' Tod habe ich fast ununterbrochen geweint", sagt die Harburgerin. Wenn sie aus der S-Bahn stieg, um in die Anwaltskanzlei am Hamburger Rathausmarkt zur Arbeit zu gehen, habe sie aufgehört zu weinen. "Sobald ich raus war aus dem Büro, liefen wieder die Tränen." Nicht zu arbeiten, kam nicht in Frage: "Zu Hause hätte ich es nicht ausgehalten."    Zu Hause war die Einsamkeit. Der Schmerz um das Kind, das so ersehnt war und das nicht leben durfte. Am schlimmsten sei gewesen, dass niemand ihr die offene Trauer um ihren Sohn habe zugestehen wollen.

Pirko Lehmitz (33) hat drei Kinder: Ein Ungeborenes, den kleinen Pascal - und Tobias, der 1997 starb. Der Gottesdienst des Vereins Verwaiste Eltern am Sonntag erleichtert ihr den Weg der Trauer.
                                                     Foto: Solcher

Im Freundeskreis war das Thema tabu

 Ihre Schwiegermutter habe zwei Monate lang nicht angerufen. Ihre eigene Mutter habe Angst gehabt, der Tochter gegenüberzutreten, sich zurückgezogen. Freunde hätten sich nicht mehr gemeldet. "Niemand hat mir erlaubt, über meinem Sohn zu sprechen. Wenn ich es tat, wurde das Thema gewechselt." Ihr Selbstbewusstsein habe darniedergelegen, sagt Pirko Lehmitz: "Ich hatte es ja nicht einmal geschafft, eine Schwangerschaft ordentlich zu Ende zu bringen."

Von ihrem Gynäkologen bekam sie schließlich die Adresse der Verwaisten Eltern. 20 000 Kinder und junge Erwachsene sterben jedes Jahr in Deutschland durch Krankheiten, Unfälle oder Selbstmord. Der Verein Verwaiste Eltern in Deutschland hat bundesweit 300 Gruppen, die traumatisierten Familien helfen.

"Durch das Leid hindurch, nicht am Leid vorbei, führt der Weg in ein neues Leben", sagt die Psychotherapeutin Gabriele Knöll, die Bundesvorsitzende des Vereins mit Sitz in Reppenstedt bei Lüneburg (04131/680 32 32, www.veid.de).

Familien geraten aus dem Gleichgewicht

 Knöll vergleicht eine Familie mit einem Mobile: "Wenn ein Teil fehlt, geraten die anderen Teile aus dem Gleichgewicht." Als Heidrun Eisenberg im vergangenen Jahr ihren sechs Jahre alten Sohn Christian verlor, hat sie genau das erlebt. Das Gleichgewicht zwischen ihr, ihrer elfjährigen Tochter Maren und ihrem Mann ist noch nicht wiederhergestellt: "Wir kommen zu dritt noch nicht zurecht", sagt die 37 Jahre alte Sparkassenangestellte. "Wir wohnen zusammen, aber wir leben nicht zusammen", beschreibt sie die Beziehung zu ihrem Mann. Sie beklagt die Sprachlosigkeit in ihrer Familie, die Großeltern eingeschlossen, seit Christians Tod. "Keiner traut sich, darüber zu sprechen." Die Verwaisten Eltern seien für sie der einzige Ort, an dem sie ihre Verzweiflung nicht verstecken müsse, sagt sie.Die Krankheit ihres Sohnes kam plötzlich. Weil er an Kurzatmigkeit litt, ließ seine Mutter ihn untersuchen. Als die Kinderärztin nichts fand, suchte Heidrun Eisenberg einen anderen Kinderarzt auf, der sie an einen Spezialisten überwies: Im September 1998 wurde eine schwere Herz-Lungen-Krankheit diagnostiziert. "Christian könne von heute auf morgen umfallen, sagte man uns", erinnert die Frau aus Handeloh (Landkreis Harburg) sich. Helfen würde nur eine Organtransplantation. Es blieb keine Zeit, sich auf Christians Tod vorzubereiten. Ende Januar 1999 blieb sein Herz stehen.

   Ob die Kinder klein sind oder erwachsen - Trauer und Ohnmacht der Eltern unterscheiden sich kaum. Helga Rieckmann (56) aus Südergellersen bei Lüneburg verlor ihren 33 Jahre alten Sohn im vergangenen Mai, als er nach einem Streit mit seiner Freundin mit dem Motorrad verunglückte. Die 56-Jährige kommt nicht darüber hinweg, dass sie ein Zerwürfnis mit dem Sohn nicht mehr hatte ausräumen können.

   Und auch, dass ihr der Bestattungsunternehmer nicht erlaubt hatte, den Verunglückten noch einmal zu sehen, bevor er ins Grab gesenkt wurde, lässt ihr keine Ruhe. "Ich wollte doch nur einmal seine Hand anfassen", sagt sie stockend.

   Es sei oft ein großes Bedürfnis, das tote Kind noch einmal zu sehen, weiß die Bundesvorsitzende Knöll. "Es fällt dann leichter, den Tod zu begreifen. Die Fantasie ist schlimmer als jede Realität."

   Pirko Lehmitz konnte ihren toten Erstgeborenen im Arm halten. Sie trägt ständig ein Foto von Tobias in ihrer Brieftasche. "Ich bin der Hebamme sehr dankbar", sagt sie. "Die Fotos sind ganz wichtig für uns."

   Inzwischen ist sie Mutter eines 19 Monate alten Sohnes und erwartet ihr drittes Kind. "Es ist ein langer Weg durch die Trauer", sagt Pirko Lehmitz, "aber heute kann ich an Tobias denken, ohne dass es noch so weh tut."

Gedenkgottesdienste am Sonntag, 10. Dezember: um 16 Uhr in der Christ-König-Kirche, Adendorf bei Lüneburg,  18 Uhr: Hamburger St. Michaeliskirche (Michel), mit  Hauptpastor Helge Adolphsen.

Stand 11/02/05