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Ostsee-Zeitung / Wochenendausgabe, 23./24. September
2000
„Niemand soll sich mehr so allein fühlen wie ich” Anja Martin gründete Gesprächskreis zur Selbsthilfe
Anja Martin verlor ihre Tochter in der 21.
Schwangerschaftswoche. Mit ihrer Trauer blieb sie
allein. Um sich und anderen betroffenen Frauen
zu helfen, gründete sie den Gesprächskreis „Anna-Lena“.
Stadtmitte (OZ) Zu Hause bei Anja Martin, Rostocker
Promotionsstudentin. Ein gemütliches Wohnzimmer
mit Couch und Essecke. Jede Menge Gesetzesbücher
von Ehemann Christoph (33), Jurist, ein Bilderrahmen
voller Schnappschüsse von Tochter Julia (8) und eine
Bleistiftzeichnung, die ein Baby zeigt, fallen sofort ins
Auge. „Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten“,
fragt die junge Frau lächelnd. Gern! Das Telefon
klingelt. Anja geht ran, nennt ihren Namen, ist einen
Moment ruhig.
Dann sagt sie: „Ja, sie sind richtig.“ Wieder spricht
der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung. Bis Anja
fragt: „In welcher Schwangerschaftswoche ist ihre
Tochter?“ Nach dem Telefonat erklärt Anja Martin:
„Das war eine Mutter, die Ansprechpartner sucht.
Morgen kommt ihre Tochter aus dem Krankenhaus.“
Jene Tochter wird sich dann hoffentlich bei Anja und
den anderen Frauen melden. Zusammen sind sie der
Gesprächskreis „Anna-Lena“, der sich mit dem Verlust
eines Kindes noch in der Schwangerschaft auseinandersetzt.
Anja Martin gründete ihn im April dieses Jahres.
Gleich beim ersten Treffen im Mai war die Resonanz
groß. Zehn Frauen kamen. „Anna-Lena ist meine
zweite Tochter. Ich verlor sie in der
21. Schwangerschaftswoche“, erzählt die 25-Jährige.
Anna-Lena war ein Wunschkind. „Kurz vorher hatte
ich eine Fehlgeburt.“ Und dann war ihr kleines
Mädchen unterwegs, berichtet Anja Martin und
streicht die blonden Haare aus der Stirn. Alles war in
Ordnung. „Bis festgestellt wurde, dass Anna-Lena mit
schwerwiegenden Schäden auf die Welt kommen,
nicht länger als ein Jahr leben würde.“ Die Ärzte rieten
aus medizinischer Indikation zum Abbruch der
Schwangerschaft.
Das war kurz vor Weihnachten letzten Jahres. „Du
hörst die Diagnose, wirst nach Hause geschickt und
bist allein“, erinnert sich Anja. Gedanken über
Gedanken. Sie spürte, „dass mein Kind nicht leben
wollte, ich es loslassen musste“. Anja entschied sich
für den Abbruch in der Frauenklinik der Rostocker
Uni. Nach der künstlich eingeleiteten Geburt des
bereits toten Kindes, nahmen die Eltern zwei Stunden
Abschied von Anna-Lena. Am 14. Januar wurde das
kleine Mädchen beerdigt. „Weil wir es so wollten. Ich
bin froh, dass ich weiß, wie mein Kind aussah und wo
es jetzt ist“, sagt Anja. Eine Meinung, mit der sie bei
Ärzten und Schwestern, bei Familie und Freunden auf
Unverständnis stößt. Anja Martin: „Für sie hat
Anna-Lena nicht gelebt.“ Ein Grund, weshalb Anja
danach mit ihrer Trauer wieder allein ist. „Was nach so
einem Erlebnis folgt, kann nur nachvollziehen, wem es
selbst geschieht“, weiß die junge Mutter. Genau
deshalb gibt es heute den Gesprächskreis „Anna-Lena“.
Szenenwechsel. In dem Raum in der Rostocker
Stadtmission im Friedhofsweg 11 stehen Stühle in
einer Runde. Auf dem Tisch in der Mitte brennen
Kerzen. Warm und angenehm ist die Atmosphäre.
Jeden zweiten Mittwoch im Monat treffen sich hier
Anja und derzeit zwischen fünf und sieben weitere
betroffene Frauen. Sie sprechen über die Trauer, die
Zeit im Krankenhaus, helfen, Ängste bei
Folgeschwangerschaften abzubauen, denken nach, wie
sie dem Partner bei der Bewältigung der Trauer zur
Seite stehen können. Und sie hören einander zu. „Es
tut gut, mit Menschen zu sprechen, die Ähnliches
durchlebt haben“, so Anja schlicht zum Anliegen der
Treffen.
Die anderen Frauen wollen im Hintergrund bleiben.
Fest steht, sie alle machten in den Tagen im
Krankenhaus gleiche Erfahrungen: „Ärzte und
Hebammen können damit nicht umgehen. Die Frauen
sind mit der Trauer um ihre Kinder allein.“ Das zu
ändern, hat sich Anja Martin zur Aufgabe gemacht.
„Auch, wenn ich im Moment das Gefühl habe, ich
rudere und rudere, aber nichts geschieht.“ Worte wie
„Abort-Material“ dürfen in einem Raum, in dem eine
Frau gerade ihr Kind verliert, einfach nicht fallen, sagt
Anja, sagen ihre Leidensgefährtinnen. Und doch
geschieht so etwas immer wieder. „Es kann nicht sein,
dass man es in der Klinik als Zumutung fürs Personal
empfindet, möchten die Eltern noch Zeit mit ihrem
totem Kind verbringen“, führt Anja aus. An der Wand
hinter Anja sind in einem Rahmen die Abdrücke von
Anna-Lenas Füsschen und Händchen zu sehen. Am
Schreibtisch des Zimmers hat sie die Briefe an die
beiden Rostocker Frauenkliniken verfasst.
„Ich möchte mit Ärzten und Schwestern zusammen
arbeiten. Doch bis jetzt kam keine offizielle
Rückmeldung.“ Von der Uni-Klinik weiß sie aber,
„dass betroffene Frauen nun informiert werden, dass
es uns gibt“. Wichtig wäre ihr, dass Ärzte und
Hebammen „mal zu uns kommen, dass dieses Thema
nicht länger tabuisiert wird, wir uns gegenseitig
helfen“. Sie verstehe, dass auch für die Mediziner der
Umgang mit der Thematik nicht leicht sei. Anja Martin
sieht sich nicht als Opfer, will nicht in diese Rolle
gedrängt werden. „Das bin ich nicht. Ich will nur, dass
sich niemand mehr so allein fühlt wie ich.“ Fast zwei
Stunden sind vergangen. Alles ist gesagt. Anja lächelt,
als sie die Wohnungstür schließt. Kontakt: Tel.:
0381 / 490 30 23 oder Anja.Christoph.Martin@t-online.de.
BEA SCHWARZ
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