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“Gemeinsam sind wir stärker”
Eine Mutter, die ihr Kind tot zur Welt bringt. Eine Patientin, die mit der Diagnose Brustkrebs
konfrontiert wird. Schicksale die unter die Haut gehen. Pirko Lehmitz und Chista Hentschel erzählen, wie sie damit fertig wurden
Selig lächelnd schiebt sich der kleine Junge die letzten Krümel vom Geburtstagskuchen in den Mund. Lecker! Eine tolle Party
ist das hier Knallbunte Luftballons, Girlanden, Bonbons und köstlicher Fruchtsaft. Helles Lachen mischt sich mit fröhlichen Frauenstimmen. Mittendrin Pirko Lehmitz und ihr Söhnchen Pascal.
Die 33-jährige lacht und scherzt mit den anderen M
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Der kleine Pascal (17 Monate) ist Pirko Lehmitz’ ganzer Stolz
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üttern. Das hätte sie sich vor drei Jahren nicht vorstellen können, denn sie hat einen schweren Schicksalsschlag hinter sich. “Am 22. August 1997 habe
ich meinen ersten Sohn Tobias tot geboren”, erzählt die Rechtsanwältin, und das Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht. Ein Streptokokken-Infekt in der
24. Schwangerschaftswoche führte zur verhängnisvollen Frühgeburt.
“Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen, die ersten Wochen waren kaum auszuhalten.” Hastig spricht die junge Frau. als müsste sie alles gesagt haben, bevor
Mit ihrem Kummer stieß sie auf wenig Verständnis
ihr Gesprächspartner aufspringen und wegläuft. “Genauso war es nämlich" sagt sie. “Niemand erlaubte mir, über meinen Sohn zu sprechen, alle
wechselten das Thema, wenn ich davon anfing." Keiner war bereit, die seelischen Qualen mit ihr zu teilen. .‚Man fand es unangebracht, dass ich
sogar nach Wochen noch so viel weinen musste." Auch Ehemann Kai (35) konnte sie nicht trösten, er litt genauso, fraß die Trauer aber stumm in sich
hinein. Ihre Mutter empfahl ihr Valium, die Freundin meinte, sie solle sich zusammenreißen. Aber Pirko hatte ihr Baby in den Armen gehalten, hatte den
schmerzhaften Moment des sich Verabschiedens erlebt. "Durch ihre Missachtung ließen die Menschen Tobias noch einmal sterben
Nach drei Monaten war die Hamburgerin am Ende ihrer Kräfte Widerstrebend ging nie auf Anraten ihres Arztes zur Selbsthilfegruppe “Verwaiste Eltern‘.
Meine Erleichterung war unbeschreiblich, als ich merkte, dass es anderen genauso ging, dass sie dieselben Empfindungen und Gedanken hatten.”
Schritt für Schritt lernte sie in der Gemein samkeit, ihre Trauer zu bewältigen.
Dennoch wirkt die bittere Zeit nach. “Ich möchte mich nie wieder so verlassen fühlen müssen wie damals”, sagt Pirko Lehmitz und drückt den kleinen Pascal
liebevoll an sich.
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Mütter- und Kinder-Treffs finden regelmäßig statt. Es wird gespielt und gelacht. Auch der Erfahrungsaustusch kommt nicht zu
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Als Betroffene hilft sie anderen Frauen in Not
Auch für Christa Hentschel war die Einsamkeit das Schlimmste. 1991, drei Jahre nach dem Tod ihres Mannes, diagnostizierte man bei ihr
Brustkrebs. Sie war total allein mit ihrer Todesangst “Nachdem man mir die linke Brust entfernt hatte, ging es mir körperlich und seelisch sehr schlecht”, erinnert sie sich. “Und ich hatte keinen
Ansprechpartner. Weder für die massiven körperlichen Beschwerden noch für die heftigen Anfälle von Hoffnungslosigkeit, Furcht und Depressionen.”
Zum Glück gab es die Frauensportgruppe, die Christa Hentschel im Rahmen der Krebsnachsorge besuchte. “Da turnten auch einige von der
‚Frauenselbsthilfe nach Krebs‘, die fand ich sehr nett.”
Trotzdem ging sie z
unächst nur mit zu Vorträgen. “Ich dachte, in so einer Gruppe jammern sie doch alle nur”, erzählt sie. Aber
sie spürte schnell, dass dieses Vorurteil nicht zutraf und wurde immer aktiver: “Ich merkte, dass wir uns gegenseitig Trost spenden konnten.” Und sie erhielt wertvolle praktische Tipps, etwa für
Therapien und bei Problemen mit den Krankenkassen.
Heute leitet Christa Hentschel selbst eine Gruppe. Dafür hat sich die Rentnerin in Sachen PC und Internet fit gemacht. Sie mailt,
chattet, organisiert Vorträge. “Und ich betreue meine Freundinnen aus der Gruppe.” So ist sie zum Beispiel da, wenn jemand ins Krankenhaus muss. “Und manchmal” ‚ sagt sie ohne
Beschönigung, “begleite ich auch eine Freundin heim Sterben."
Wie viel Selbsthilfegruppen gibt es eigentlich?
Bundesweit sind heute 2,65 Millionen Bürger in 70 000 Selbsthilfegruppen tätig. Sie nehmen sich der unterschiedlichsten Probleme und Sorgen an.
Wo finden Betroffene die richtige Anlaufstelle?
Die richtige Gruppe für ein Problem findet man über “NAKOSU (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und
Unterstützung von Selbsthilfegruppen), Albrecht-Achillesstr. 65, 10709 Berlin, Tel: 030/ 891 40 19 Internet http://www nakos.de Eltern, die ein Kind verloren haben, hilft die Bundesstelle
“Verwaiste Eltern e. V.”, Fuhrenweg 3, 21391 Reppenstedt, Tel: 0 41 31/6803232 Internet http://www.veid de
Krebspatienten wen de n sich an: “Frauenselbsthilfe nach Krebs”, B6, 10/11, 68159 Mannheim, Tel: 06 21/2 44 34, Internet http://www.fsh-nach-krebs .de
Wie gründet man eine Selbsthilfegruppe?
Auch hier hilft “NAKOS”: Aufklärungs- und Arbeitsmaterial wie die Broschüre “Starthilfe” sind kostenlos und können gegen einen
adressierten und frankierten Rückumschlag bezogen werden. Außerdem verfügt “NAKOS” über eine umfangreiche Datenbank mit Kontaktadressen - regional und bundesweit — zu fast allen Problemen oder Krankheiten.
Wie finanzieren sich die Institutionen?
In der Regel durch geringe Mitgliedsbeiträge und Spenden. Aber
Der volkswirtschaftliche Nutzen der Selbsthilfegruppen beträgt über 4 Milliarden Mark. Deshalb sollen künftig Krankenkassen die Selbsthilfe mit 1 DM pro Versicherten und Jahr fördern.
Was können Angehörige und Freunde Betroffener tun?
- Aufrichtige Anteilnahme zeigen, nicht nur mit Worten, sondern auch durch Zuhören.
- Es dem Betroffenen zugestehen, Trauer und Schmerz zu zeigen.
- Den Kontakt aufrechterhalten, selbst wenn Besuche manchmal unangenehm sind.
- Sätze wie “Geht es dir denn immer noch nicht besser? ! ” vermeiden.
- Nicht das Thema wechseln, wenn die Betroffenen auf ihre Probleme zu sprechen kommen.
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