Hebammenforum

Hebammen-Forum Februar 2002

Keine Angst vor Tränen
   Eltern nach einer Totgeburt begleiten

Ein Beitrag von Susanne Kortshagen,
Hebamme und Journalistin, Hamburg

Hebammen möchten mit den Eltern die Freude über den ersten Schrei teilen und den Beginn eines neuen, warmen Lebens  spüren. Daher erscheint uns der Tod im Kreißsaal als besonders   grausam und völlig sinnlos. Er trifft uns meist unvorbereitet und  erschüttert uns in unseren eigenen Gefühlen so, dass wir ihm am liebsten ausweichen möchten. Dabei gibt es auch in dieser   Situation Dinge, an die sich Hebammen und Ärzte halten können,  die trösten und ermutigen.

Die Geburt ist beendet, Susan Artelt-Kröger liegt gewaschen im weichen Bett. Es ist der Moment, in dem normalerweise Ruhe einkehrt und die Erschöpfung durch die Freude an dem Kind verdrängt wird.

Doch diese Geburt ist anders: Melanie wurde tot geboren und deshalb müssen die Eltern Abschied nehmen. Es ist diese  Phase, die auch der Hebamme Susanne Ehlers besonders nahe geht: „Die Tränen kommen immer irgendwann“, sagt sie.   „Auch wenn wir Hebammen oder die Ärzte zunächst einmal die schlechten Menschen sind, die die schlimme Nachricht   überbringen, ist der Kontakt zu Frauen mit toten Kindern  besonders innig.“

Wie gut, dass Susanne Ehlers dieser Ausnahmesituation im Kreißsaal nicht ausweichen wollte und sich daher ohne  konkreten Anlass mit ihr beschäftigte. In einer Buchhandlung war sie auf das Buch „Glücklose Schwangerschaft“ (siehe Seite  88) gestoßen. Sie besuchte einige Jahre später eine  Fortbildung, durch die sie an Sicherheit gewann, um einer Frau   bei einer Totgeburt beistehen zu können. Sie wollte nicht, dass  es ihr so ginge wie einer älteren Kollegin.

Die hatte ihr erzählt, dass sie als Hebammenschülerin einmal eine Frau übernehmen sollte, die in einem Zimmer weit abseits des Kreißsaals untergebracht war. „Erst kurz bevor ich in das   Zimmer kam, sagte mir eine Hebamme, dass die Frau ein totes Kind geboren hatte. Die Frau lag in ihrem Bett, sah immer nur   zur Decke und weinte ununterbrochen. Mir war das sehr unangenehm, keine der Hebammen hatte mich auf diese  Situation vorbereitet, ich wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte. Ich dachte an meine eigenen zwei gesunden Jungs und fühlte mich schrecklich hilflos. Stumm und mit einem dicken Kloß im Hals saß ich neben ihr, hielt ihre Hand und war sehr  erleichtert, als mein Dienst vorbei war und ich nach Hause  gehen durfte.“ Die Sinnlosigkeit dieser Totgeburt und ihre  eigene Trauer darüber haben sie lange belastet.

 „Wer fotografiert schon ein totes Kind?“

Aufgrund ihrer Weiterbildung konnte Susanne Ehlers gemeinsam mit dem zuständigen Oberarzt Susan Artelt-Kröger  von einer Spontangeburt unter PDA überzeugen, um den  Verlust besser zu verarbeiten. Denn Susan Artelt-Kröger wollte „einen Kaiserschnitt unter Vollnarkose und mit der ganzen  Angelegenheit nichts mehr zu tun haben. Ich dachte auch, dass das tote Kind in meinem Bauch mich vergiften würde und  es daher schnell ,entfernt’ werden müsste.“ Susanne Ehlers  bestärkte Susan Artelt-Kröger und ihren Mann darin, ihre  Tochter Melanie zu nennen, den Namen, den sie für sie  ausgesucht hatten.

Sie gab den Eltern die tote Tochter in warme Handtücher  gewickelt in den Arm. „Da ich vorher noch nie etwas mit dem Tod zu tun hatte, hatte ich große Berührungsängste“, sagt  Susan Artelt-Kröger. „Als ich aber gesehen habe, dass mein  Mann Melanie im Arm halten und sie streicheln konnte, fand  auch ich den Mut dazu.“ Susanne Ehlers machte einen Fußabdruck und fotografierte Melanie, was der Mutter seltsam  vorkam, denn wer fotografiert schon ein totes Kind?

Sie riet der Mutter, Melanie in einen bereits für sie gekauften  Strampler zu kleiden, ein Kuscheltier und die Schmusedecke mit in den Sarg zu legen, und kam gemeinsam mit den  betreuenden Ärzten an einem dienstfreien Sonntag zu einem Fürbittegottesdienst ins Krankenhaus. Susanne Ehlers gab den  Eltern Artelt-Kröger das Buch „Gute Hoffnung – jähes Ende“   (siehe Seite 88) und wies sie auf die Adresse des Vereins   „Verwaiste Eltern“ hin, was Susan Artelt-Kröger als sehr hilfreich empfand. Außerdem übernahm sie die Nachsorge, so dass Susan Artelt-Kröger noch oft die Gelegenheit hatte, über  das Erlebte mit der Hebamme zu sprechen, die sie begleitet  hatte.

 „Ich empfand zu der Zeit, als ich Melanie tot zur Welt brachte, vieles als sehr eigenartig, ja sogar abstoßend. Im Nachhinein  bin ich aber sehr froh, dass sich die Hebamme und die Ärzte dadurch nicht beirren ließen und mich drängten, das zu tun, was ihrer Erfahrung nach das Beste für mich war“, sagt sie aus der heutigen Sicht.

Durch den offenen Umgang mit dem Tod ihrer Tochter gewann  sie den Mut, anderen Müttern in der gleichen Situation beizustehen. „In der langen Zeit vor der Geburt, in der ich nicht wusste, was mich erwarten würde, wäre ein Gespräch mit einer Mutter, die Ähnliches erlebt hat, sicher sehr hilfreich  gewesen“, sagt sie. „Mittlerweile weiß das Krankenhaus, dass sie mich oder andere betroffene Frauen aus der Gruppe anrufen können, denn ich würde eine Mutter in dieser schweren Zeit und danach begleiten.“

Über die Trauer sprechen

Aus der Begegnung von Susanne Ehlers mit Susan Artelt-Kröger entstand eine Freundschaft und eine Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern, Hebammen und Ärzte am Albertinen-Krankenhaus in Hamburg. Alle zwei Monate trifft sich die Gruppe „Still geboren“ in den Räumen des  Krankenhauses, um über die Trauer zu sprechen. In der Mitte hat Susanne Ehlers Herbstlaub um die Teelichter auf dem dunklen Parkettboden angeordnet, die beiden Stehlampen  geben gedämpftes Licht. Ein wenig verloren wirkt die Gruppe in  dem riesigen Raum, obwohl sich hier zwanzig Menschen treffen. Sie stellen sich reihum vor, denn der Seelsorger des  Krankenhauses ist heute zum ersten Mal dabei.

Er hat vor vielen Jahren ein Kind adoptiert, da er mit seiner Frau keine Kinder bekommen konnte. Nach zehn Tagen wollte die leibliche Mutter ihr Kind wieder zurück haben, so dass sie wieder Abschied nehmen mussten. „Das war ein bisschen wie sterben, zuerst der endgültige Abschied vom eigenen Kind und dann das ersehnte Neugeborene wieder hergeben müssen“, berichtet er. „Wir haben dann noch ein Kind adoptiert, unsere Tochter ist inzwischen groß. Es war aber auch ein Abschied von der Großfamilie, in der ich aufgewachsen bin und von der ich  immer für mich geträumt habe. Denn als wir nach Hamburg gezogen sind, verzögerten die Gespräche mit der Behörde eine weitere Adoption so lange, bis uns der Abstand zum ersten  Kind zu groß wurde.“

Neben ihm sitzt ein Ehepaar, das eine gesunde Tochter hat und danach zweimal Kinder im Verlauf einer Schwangerschaft  verloren hat. Sie weint, walkt ihr Taschentuch und fährt sich immer wieder mit den Fingern hinter die Brille. Ihr Mann nimmt  ihre Hand und sagt, dass nach ausführlicher genetischer Beratung für die beiden eine weitere Schwangerschaft wohl  nicht mehr in Frage kommt.

Eine andere Frau erzählt, dass sie ihren Sohn vor vier Jahren  tot geboren hat. Mittlerweile hat sie einen gesunden Jungen von elf Monaten. Dann erzählt sie schluchzend, dass ihr Mann  im Sommer am Herzinfarkt starb. Zu all dem Leid kommen nun  auch noch massive finanzielle Schwierigkeiten. Ihre Sitznachbarin legt schützend den Arm um sie. Die Runde  schweigt und hängt ihren Gedanken nach.

Aus der Arbeit der Gruppe „Still geboren“ hat sich ein Standard im Umgang mit Totgeburten entwickelt, der im  Kreißsaal des Abertinen-Krankenhauses für Hebammen und Ärzte ausliegt. Aufnahme

  • Die Frau muss wissen, dass das tote Kind den Körper der  Mutter nicht vergiftet und dass das Kind normal aussieht.
  • Patientin von einer Spontangeburt in PDA überzeugen,   Arzt und Hebamme wissen von anderen Müttern, dass das für den Trauerprozess besser ist.
  • Zeit nehmen, erklären, begreifen lassen. Nicht zu viel reden, um die eigene Unsicherheit zu überspielen.
  • Nach Feststellung der Diagnose den Eltern anbieten, in Ruhe alleine alles zu bedenken, sie eventuell noch einmal   nach Hause lassen.
  • Richtige Worte benutzen, von Fehlbildung (nicht Missbildung!) sprechen. Nicht über abgestorbene Frucht oder den Ausstoß des Fetus sprechen.
  • Anteilnahme zeigen, sie ist genauso wichtig wie  Kompetenz: „Es tut uns Leid. Wir können den Tod zwar  nicht ungeschehen machen, aber wir lassen Sie jetzt nicht  alleine da durch gehen.“ „Das muss schwer für Sie sein, ich  weiß auch nicht, warum Ihr Kind sterben musste.“ Keine  Angst vor eigenen Tränen.
  • Unterbringung auf einer gynäkologischen Station, Vater   kann mit im Zimmer übernachten. Stationsschwestern   müssen informiert sein, um Peinlichkeiten zu vermeiden.
  • Nach dem ersten Schock ein weiteres Gespräch über den    Geburtsablauf.
  • Eltern möglichst frühzeitig anbieten, Kontakt zu anderen Betroffenen herzustellen. Diese können sehr gute Ratschläge und Unterstützung geben.
  • Das Buch „Gute Hoffnung – jähes Ende“ aushändigen. (Es sollte in jedem Kreißsaal liegen.)  Kreißsaal
  • Auf Sedativa verzichten, PDA bevorzugen. Die Patientin    wird spätere Gedächtnislücken sehr bereuen.
  • Möglichst etwas abgeschirmt vom üblichen Betrieb.
  • Der Arzt und die Hebamme, die die Frau aufgenommen  haben, sollen sie nach Möglichkeit weiter betreuen und nur   für dieses eine Paar zuständig sein.
  • Das Paar während der Geburt auch mal alleine lassen.
  • Nicht die tote abgeklemmte Nabelschnur in die Leiste oder auf den Bauch der Mutter legen.
  • Dem Baby den Namen geben, der für es gedacht war. Einen besonderen Babypass mit Fuß-, vielleicht auch Handabdruck, einigen Haaren und guten Fotos ausstellen.  (Polaroidfotos verblassen mit der Zeit.) Die Eltern darauf  hinweisen, dass sie den Babypass jederzeit aus der Akte    haben können, wenn sie ihn nicht gleich mitnehmen wollen.
  • Das Kind anziehen und den Eltern in den Arm legen. Bei   Fehlbildungen auf die hübschen Seiten des Kindes   hinweisen.
  • Eltern allein lassen. Sie bestimmen den Zeitpunkt des  Abschieds vom Kind.
  • Auch Mütter tot geborener Kinder brauchen Lob für die  geleistete Arbeit!
  • Den Eltern sagen, dass man auf das Kind aufpasst, wenn sie auf Station kommen.

  Nach der Geburt

  • Den Eltern am nächsten Tag unbedingt anbieten, das Baby noch einmal anzusehen. Abschied im Kreise von  Großeltern, Geschwistern und Freunden ermöglichen.
  • Hilfe bei den Formalien: Wer kann das Kind auf dem Standesamt anmelden?
  • Der Vater kann sich vom Hausarzt krank schreiben lassen.
  • Gespräch mit einem Pastor anbieten.
  • Eine Literaturliste aushändigen (siehe Seite 88)
  • Auf Selbsthilfegruppen hinweisen. Den nächsten Termin  für ein Treffen herausfinden und mitteilen. Die betreuende Hebamme sollte das Paar idealerweise das erste Mal dahin begleiten.
  • Wenn eine Autopsie gemacht wurde, sollten sich Ärzte und Hebammen Zeit für ein ausführliches Gespräch mit den Eltern nehmen.

   Nachsorge

  • Es ist wünschenswert, dass die Geburtshebamme auch die Nachsorgehebamme wird. Zwischen beiden hat sich   eine Beziehung aufgebaut, es ist wichtig, das gemeinsam  Durchlebte besprechen zu können.
  • Wenn das nicht der Fall ist, anbieten, die nachsorgende  Kollegin zu informieren.
  • Anregungen für die Beerdigung geben: Dem Bestattungsinstitut Kleidung für das tote Baby mitgeben.  Gemeinsam überlegen, was mit in den Sarg gelegt werden kann und die Dinge vorher fotografieren. (Fotos werden wichtige Erinnerungsstücke!)
  • Verwandte oder Freunde können den Sarg tragen. Nach  der Beerdigung sollte die Hebamme nach Möglichkeit noch mal mit den Eltern darüber sprechen.
  • Info über Rückbildung und Abstillen.
  • Patientin nicht unmittelbar nach der Entlassung selbst zum Gynäkologen schicken, um ein Rezept zu holen. Beim  letzten Besuch war die Patientin noch schwanger, andere Schwangere sitzen im Wartezimmer.

 

Sonne und Mond auf dem Grabstein

Es gibt aber auch ermutigendere Schicksale. Einige Frauen  haben nach der Totgeburt gesunde Kinder geboren und besuchen jetzt die Gruppe „Still geboren“, um anderen Betroffenen beizustehen. Sie haben selbst erfahren, wie groß die Unterstützung durch Gespräche mit Menschen ist, denen   das Gleiche passiert ist. Sie sprechen über die unterschiedliche  Trauer von Mann und Frau, über die Probleme der Geschwisterkinder und die Bedeutung von Halbjahres- und  Jahrestagen, sowie Familienfesten und Feiertagen wie Weihnachten. Viele bestätigen, dass das erste Jahr das  schlimmste ist. Einige nehmen den ersten Geburtstag ihres  Kindes als einen gewissen Abschluss für ihre Trauerarbeit.

Sie sprechen darüber, was sie verletzt und was sie getröstet hat. Ein Paar zeigt das Foto vom Grabstein ihres Sohnes, der  nun endlich fertig gestellt ist. Sonne und Mond symbolisieren den einen Lebenstag, den er hatte. Die Künstlerin Sabine  Althaus zeigt die Collage, die sie anlässlich des Todes ihrer Tochter gemacht hat. Sie zeigt Fotos vom Sarg, den sie für ihre Tochter gezimmert hat, und von einem, den sie für ein anderes  betroffenes Paar gefertigt hat. Sie erntet dafür große  Bewunderung und es kommt die Anregung, dass sie eine  Skulptur schaffen könnte, die in Zukunft in der Mitte der  Gruppe stehen soll, wenn sie sich trifft und ansonsten einen  Platz in der Kirche hätte, als Gedenkstein für alle nicht beerdigungspflichtigen Kinder. Mit der Hausaufgabe, darüber  nachzudenken, wie sie aussehen könnte, geht die Gruppe nach zwei Stunden auseinander.

Hebammen-Forum Februar 2002

In den Tod geboren

Abschied und Trauer im Kreißsaal

Ein Beitrag von Christiane Knoop, Hebamme, und
Bettina Stephanie von Glahn, Trauerbegleiterin und Musiktherapeutin, Worpswede

 

Wenn man an Krankenhäuser denkt, drängen sich auch Gedanken an Tod und Sterben ins Bewusstsein. Aber nirgendwo findet Tod weniger statt als dort, wo er als Versagen, als Eingeständnis einer Niederlage, als Scheitern medizinisch ärztlicher Kunst betrachtet wird.

Menschenwürdiges, begleitetes Sterben, angehörigenfreundliche Betreuung – Hinwendung und   Zuwendung, Raum und Zeit sind nicht selten  Wunschvorstellungen einiger Schwestern, Pfleger und Ärzte, die in einem oft erbarmungslosen Klinikalltag Kampf und Hoffnung auf bessere Arbeitsbedingungen aufgegeben haben. Und dennoch sind es nicht nur die äußeren Bedingungen, die den Begegnungen mit Sterbenden, mit Angehörigen im Wege sind.

Wie viel Angst, wie viel Unsicherheit, wie viel Hilflosigkeit gibt es dort, wo Menschen leiden, sterben und dringend auf Schutz und Begleitung angewiesen sind. Das ist auf allen Stationen eines jeden Krankenhauses der Fall.

Um wie viel mehr aber dort, wo neues Leben geboren wird, wo  Schwangere „guter Hoffnung“ sind und wo, wenn sich das Wunder der Geburt vollzieht, Frauen durch den Wehenschmerz  bis an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft gebracht wurden  und dann ihr Baby dankbar und staunend in den Armen halten, oft gemeinsam mit den Vätern, die den Geburtsprozess in endlosen Stunden begleitet und unterstützt haben.

Wenn das Leben mit dem Tod beginnt Dort – im Kreißsaal – ist der Tod eine Ungeheuerlichkeit –   wenn das Leben mit dem Tod beginnt! „Was soll ich der Frau  denn sagen, wenn ich keine Herztöne beim Kind mehr  feststelle?“, fragt eine Hebamme.

Wie oft berichten Frauen, ihr Gynäkologe habe sie einfach  kommentarlos ins Krankenhaus geschickt, erst dort haben sie vom Tod ihres Kindes erfahren. Wenige nehmen sich in dieser  Grauzone der Frauen an, wenige haben Mut zur Wahrheit und den Mut, die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit auszuhalten. Was aber könnte aus Unsicherheit und Ohnmacht  herausführen?

Hebammen und Hebammenschülerinnen wünschen sich Handwerks- und Rüstzeug, das dazu verhilft. Zu diesem Rüstzeug gehören Kenntnisse über Trauerprozesse und die damit verbundenen Gefühle und Handlungsweisen der  trauernden Eltern.

Wenn Eltern vom Tod ihres Kindes erfahren, stehen sie oft  unter Schock. In ihrer Starre sind sie nicht ansprechbar oder scheinen gar nicht aufzunehmen, was um sie herum passiert. In dieser Phase sind die Eltern besonders schutzbedürftig.  Schock und Erstarrung bewahren zunächst vor Gefühlschaos, vor dem Überflutetwerden durch verschiedene Gefühle wie  Trauer, Wut, Angst, Hilflosigkeit, Schuld.

Jetzt ist es bedeutungsvoll, einen geschützten Raum zu bieten  für die Zeit der Geburt, das Sterben des Kindes und den Abschied von ihm. Zum Abschiednehmen braucht es einen  Raum, in dem Hektik und Klinikalltag außen vor bleiben müssen und in dem die Eltern von einer Hebamme in ihren Bedürfnissen gesehen und unterstützt werden können und in dem viel Zeit gelassen wird für ein ganz individuelles Abschiednehmen. Denkbar wäre es, diesen Raum besonders   auszustatten, zum Beispiel mit ausgesuchten Bildern, Kerzen und Blumen. Es gibt besondere kleine Bettchen oder Körbchen, in die das tote Kind gebettet wird.

Gut wäre es jetzt, auf so etwas wie ein kleines Archiv zurückgreifen zu können, das für alle im Kreißsaal zugänglich  ist und stets auf dem Laufenden gehalten werden sollte. Enthalten sollte es zum Beispiel wichtige Telefonnummern im Hause, wie Pastor, Psychologin, Bestatter, sowie verschiedene  Modalitäten der Beerdigung. Außerdem Selbsthilfegruppen und Adressen von Personen, die solche Gruppen leiten oder  Einzelbegleitung anbieten. Nicht alles aus diesem Leitfaden ist  für alle Eltern gut, aber es ist gut, auf einen solchen Leitfaden  zurückgreifen zu können, um auf Fragen die richtigen Antworten zu finden.

Spurensuche

Aber zurück zur Geburt, die immer begleitet werden sollte. Keine Frau gehört unbetreut auf allgemeine Stationen des Krankenhauses, um dann erst mit dem Zeitpunkt der  einsetzenden Geburt in den Kreißsaal verlegt zu werden. Die Art und Weise der Geburt, die Art der Unterstützung, des   Verständnisses, die Anerkennung der Gefühle und  Bedürfnisse, die Anwesenheit einer mitfühlenden Hebamme prägen maßgebend den weiteren Trauerverlauf.

Wenn die Eltern sich im Krankenhaus gut aufgehoben und begleitet gefühlt haben, können sie später zu Hause Zugang finden zu ihren heftigen und sie verstörenden Gefühlen. Dann dürfen sie es sich auch erlauben, ihnen Ausdruck zu verleihen.

Wieder zu Hause werden sie durch den Anblick der leeren Wiege, des liebevoll gestalteten Kinderzimmers brutal mit dem Tod ihres Kindes konfrontiert. Eine Frau berichtet: „Ich kam  nach Hause mit leeren Händen und bin stundenlang im Kinderzimmer herumgelaufen. Ich habe ein Sofakissen an die Brust gepresst. Ich habe diese Leere nicht ausgehalten.“

Wieder und wieder werden Eltern mit dieser Realität  konfrontiert: Es gibt kein gemeinsames Leben mit dem Kind. Der einzige Beweis, dass es existiert hat, könnten im Kreißsaal gemachte Fotos, vielleicht ein Fußabdruck sein. Manchmal ist es den Frauen wichtig und sie sprechen es selbst an und nehmen alles mit nach Hause. Andere sind noch nicht so weit zu wissen, welche Bedeutung die Spuren ihres Kindes für sie haben werden. Eine Frau sagt: „Ich habe alles abgelehnt – ich  wollte nur raus aus der Klinik! Aber dann nach anderthalb Jahren war es mir plötzlich ganz wichtig – ich musste die Hebamme aufsuchen und wollte von ihr alles über mein Kind erfahren. Wie es ausgesehen hat und ob es Fotos gab ...!“

Diese Aussage gibt einen Hinweis darauf, was Hebammen für Frauen tun können: Auf jeden Fall Fotos machen, einen  Fußabdruck des Kindes nehmen – ein kleines Buch zusammenstellen und es aufbewahren, eventuell lange, bis die Frauen danach fragen. Und hilfreich für beide, für Hebamme und Frau, könnte ein persönlicher Geburtsbericht der Hebamme sein – als eine Spur des Kindes, die die Eltern erreicht, wenn sie sich auf die Suche nach ihrem Kind machen.

Wütend, zornig, neidisch Abschied nehmen zu müssen von einem toten Kind ist so ungeheuerlich, dass man ihn mehrfach nehmen muss. Und das bedeutet, das Kind zu suchen, bewusst oder unbewusst, in Träumen und Phantasien, in Wunschvorstellungen, in allem was verbunden war mit dem gemeinsamen oder mit dem erhofften gemeinsamen Leben.

Wenn die Eltern sich diese Annäherung immer wieder zumuten können und sie auch in dieser Phase aufbrechenden Schmerzes, der Sehnsucht und Verlassenheit liebevolle Unterstützung finden, dann gelingt es ihnen vielleicht, einen endgültigen Abschied zu nehmen von ihrem toten Baby – es kann dann im besten Fall zu einem inneren Begleiter werden, von dem man sich unterscheidet und der sich auch verändern darf. Wenn das gelingt, wird es möglich, sich dem Leben wieder neu zu öffnen.

„Ich habe es nicht wahrhaben wollen. Ich habe geweint und geklagt. Ich war wütend, zornig und neidisch auf die anderen Frauen, die ihre Babys noch hatten. Ich habe sie gehasst. Aber dann habe ich langsam gelernt neu zu hoffen und mich mit dem Leben auszusöhnen. Es ist jetzt lange her. Aber verstehen werde ich den Tod meines Kindes nie!“, schreibt eine Frau.

Soweit zu den Entwicklungen und Verläufen eines Trauerprozesses, um den Hebammen und Hebammenschülerinnen wissen sollten, um das Verhalten der  Eltern zu verstehen. Was aber ist eine gute Begleitung? Gibt es eine „Mindestanforderung“ für gute Begleiter oder kann man bei bester Intention gar etwas falsch machen? Wie wenig oft nötig ist zeigt folgendes Beispiel: Eine Frau hält ihr sterbendes Kind im Arm. Eine Ärztin ist bei ihr, horcht ab und an mit dem Stethoskop. „Ich habe gewusst, dass mein Kind tot war, als ich die Tränen der Ärztin auf meiner Hand gespürt habe. Besser hätte sie es mir nicht mitteilen können!“

Den Schmerz gemeinsam aushalten Begleitung ist oft überschattet von den Ängsten, die eigenen Gefühle zuzulassen. Das kann zum Einen sein, weil es peinlich ist, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen – in unserer Gesellschaft werden Menschen bewundert, die gefasst und ruhig bleiben und ja nur nie die Kontrolle verlieren.

In anderen Kulturen geht man damit anders um. Es gibt  Rituale, bei denen der Schmerz in der Gruppe mit allen Versammelten verteilt werden und Ausdruck finden kann. Das wird in zeitlich festgelegten Abständen wiederholt und gibt so oft Gelegenheit zu klagen, von dem Schmerz zu sprechen und von der Sehnsucht, der Verlassenheit und von dem was schön war und was hätte sein können. So entsteht für die trauernden Angehörigen im Kreise ihrer Freunde langsam  wieder fester Boden unter den Füßen.

Wir haben diese Rituale nicht mehr in dieser Kraft und Stärke. Wir sind oft allein gelassen mit dem Schmerz und nicht in der Lage, ihm anders als im eigenen Kämmerlein Ausdruck zu geben. So rühren manchmal diese Trauersituationen im Kreißsaal an eigenes Leid, an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit und an die eigene Betroffenheit, die jenseits derer der zu begleitenden Eltern liegt und mit dem Gefühl verbunden sein kann, den Boden unter den Füßen zu verlieren und gerade jetzt keine Kraft zu haben für die Geburtsbegleitung eines toten Kindes.

Wie aber können wir den Eltern eine große Sensibilität entgegenbringen, wenn diese für uns selbst nicht vorhanden ist? Grenzenlos belastbar sein zu allen Zeiten und dabei immer über die eigene Belastbarkeit hinweggehen und eigene Bedürfnisse außer Acht lassen: Das darf es nicht sein! Nur wenn wir wahrnehmen, wo unsere eigenen Grenzen liegen, nur wenn wir fühlen, wie weit wir uns einlassen möchten und können, sind wir in der Lage, den Eltern ein stimmiges Angebot zu machen.

Deshalb ist es wichtig, sich Rahmenbedingungen im Kreißsaal im Team zu erarbeiten. Es muss für eine Hebamme möglich sein zu sagen: „Holt eine andere Kollegin. Mir ist es heute nicht möglich.“ Manchmal berichten Hebammen, sie seien „ausgeguckt“ vom Team, weil sie ihre Sache so gut, so liebevoll machten. „Ich will, dass die Eltern gut begleitet werden“, sagt eine Hebamme und lässt sich noch aus ihrer Freizeit holen. Aber sie fühlt sich so müde und ausgelaugt.

Das Netz muss nicht nur für die Eltern gespannt sein. Es soll auch die Hebammen und all die anderen, welche mit der Begleitung von trauernden Eltern befasst sind, auffangen und verbinden – in Gesprächen, Supervision und Fortbildungen... Wir können den Eltern die Trauer nicht abnehmen, sie nicht einmal verkleinern. Was wir können, ist da sein, uns zur Verfügung stellen, soweit es uns möglich ist, und den Schmerz gemeinsam mit den Eltern aushalten. Insofern kann das Beispiel der Ärztin Mut machen, Mitgefühl und Trauer zu teilen und zu zeigen.

Stand 16/02/05