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Hebammen-Forum Februar 2002
In den Tod geboren
Abschied und Trauer im Kreißsaal
Ein Beitrag von Christiane Knoop, Hebamme, und Bettina Stephanie von Glahn, Trauerbegleiterin und Musiktherapeutin, Worpswede
Wenn man an Krankenhäuser denkt, drängen sich auch
Gedanken an Tod und Sterben ins Bewusstsein. Aber nirgendwo findet Tod weniger statt als dort, wo er als Versagen, als Eingeständnis einer Niederlage, als Scheitern medizinisch ärztlicher Kunst betrachtet wird.
Menschenwürdiges, begleitetes Sterben, angehörigenfreundliche Betreuung – Hinwendung und Zuwendung, Raum und Zeit sind nicht selten Wunschvorstellungen
einiger Schwestern, Pfleger und Ärzte, die in einem oft erbarmungslosen Klinikalltag Kampf und Hoffnung auf bessere Arbeitsbedingungen aufgegeben haben. Und dennoch sind es nicht nur die äußeren Bedingungen, die den
Begegnungen mit Sterbenden, mit Angehörigen im Wege sind.
Wie viel Angst, wie viel Unsicherheit, wie viel Hilflosigkeit gibt es dort, wo Menschen leiden, sterben und dringend auf Schutz und Begleitung angewiesen sind. Das ist
auf allen Stationen eines jeden Krankenhauses der Fall.
Um wie viel mehr aber dort, wo neues Leben geboren wird, wo Schwangere „guter Hoffnung“ sind und wo, wenn sich das Wunder der Geburt vollzieht, Frauen durch den
Wehenschmerz bis an die Grenzen ihrer Vorstellungskraft gebracht wurden und dann ihr Baby dankbar und staunend in den Armen halten, oft gemeinsam mit den Vätern, die den Geburtsprozess in endlosen
Stunden begleitet und unterstützt haben.
Wenn das Leben mit dem Tod beginnt
Dort – im Kreißsaal – ist der Tod eine Ungeheuerlichkeit – wenn das Leben mit dem Tod beginnt! „Was soll ich der Frau denn sagen, wenn ich keine Herztöne beim Kind mehr feststelle?“, fragt eine Hebamme.
Wie oft berichten Frauen, ihr Gynäkologe habe sie einfach kommentarlos ins Krankenhaus geschickt, erst dort haben sie vom Tod ihres Kindes erfahren. Wenige nehmen
sich in dieser Grauzone der Frauen an, wenige haben Mut zur Wahrheit und den Mut, die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit auszuhalten. Was aber könnte aus Unsicherheit und Ohnmacht herausführen?
Hebammen und Hebammenschülerinnen wünschen sich Handwerks- und Rüstzeug, das dazu verhilft. Zu diesem Rüstzeug gehören Kenntnisse über Trauerprozesse und die damit
verbundenen Gefühle und Handlungsweisen der trauernden Eltern.
Wenn Eltern vom Tod ihres Kindes erfahren, stehen sie oft unter Schock. In ihrer Starre sind sie nicht ansprechbar oder
scheinen gar nicht aufzunehmen, was um sie herum passiert. In dieser Phase sind die Eltern besonders schutzbedürftig. Schock und Erstarrung bewahren zunächst vor Gefühlschaos, vor dem Überflutetwerden durch verschiedene Gefühle wie Trauer, Wut, Angst, Hilflosigkeit, Schuld.
Jetzt ist es bedeutungsvoll, einen geschützten Raum zu bieten für die Zeit der Geburt, das Sterben des Kindes und den Abschied von ihm. Zum Abschiednehmen braucht
es einen Raum, in dem Hektik und Klinikalltag außen vor bleiben müssen
und in dem die Eltern von einer Hebamme in ihren Bedürfnissen gesehen und unterstützt werden können und in dem viel Zeit gelassen wird für ein ganz individuelles Abschiednehmen. Denkbar wäre es, diesen Raum besonders auszustatten, zum Beispiel mit ausgesuchten Bildern, Kerzen und Blumen. Es gibt besondere kleine Bettchen oder Körbchen, in die das tote Kind gebettet wird.
Gut wäre es jetzt, auf so etwas wie ein kleines Archiv zurückgreifen zu können, das für alle im Kreißsaal zugänglich ist und stets auf dem
Laufenden gehalten werden sollte. Enthalten sollte es zum Beispiel wichtige Telefonnummern im Hause, wie Pastor, Psychologin, Bestatter, sowie verschiedene Modalitäten der Beerdigung. Außerdem
Selbsthilfegruppen und Adressen von Personen, die solche Gruppen leiten oder Einzelbegleitung anbieten. Nicht alles aus diesem Leitfaden ist für alle Eltern gut, aber es ist gut, auf einen solchen
Leitfaden zurückgreifen zu können, um auf Fragen die richtigen Antworten zu finden.
Spurensuche
Aber zurück zur Geburt, die immer begleitet werden sollte. Keine Frau gehört unbetreut auf allgemeine
Stationen des Krankenhauses, um dann erst mit dem Zeitpunkt der einsetzenden Geburt in den Kreißsaal verlegt zu werden. Die Art und Weise der Geburt, die Art der Unterstützung, des Verständnisses, die
Anerkennung der Gefühle und Bedürfnisse, die Anwesenheit einer mitfühlenden Hebamme prägen maßgebend den weiteren Trauerverlauf.
Wenn die Eltern sich im Krankenhaus gut aufgehoben und begleitet gefühlt haben, können sie später zu Hause
Zugang finden zu ihren heftigen und sie verstörenden Gefühlen. Dann dürfen sie es sich auch erlauben, ihnen Ausdruck zu verleihen.
Wieder zu Hause werden sie durch den Anblick der leeren Wiege, des liebevoll gestalteten Kinderzimmers
brutal mit dem Tod ihres Kindes konfrontiert. Eine Frau berichtet: „Ich kam nach Hause mit leeren Händen und
bin stundenlang im Kinderzimmer herumgelaufen. Ich habe ein Sofakissen an die Brust gepresst. Ich habe diese Leere nicht ausgehalten.“
Wieder und wieder werden Eltern mit dieser Realität konfrontiert: Es gibt kein gemeinsames Leben mit dem
Kind. Der einzige Beweis, dass es existiert hat, könnten im Kreißsaal gemachte Fotos, vielleicht ein Fußabdruck sein. Manchmal ist es den Frauen wichtig und sie sprechen es selbst an und nehmen alles mit
nach Hause. Andere sind noch nicht so weit zu wissen, welche Bedeutung die Spuren ihres Kindes für sie
haben werden. Eine Frau sagt: „Ich habe alles abgelehnt – ich wollte nur raus aus der Klinik! Aber dann nach
anderthalb Jahren war es mir plötzlich ganz wichtig – ich musste die Hebamme aufsuchen und wollte von ihr alles über mein Kind erfahren. Wie es ausgesehen hat und ob es Fotos gab ...!“
Diese Aussage gibt einen Hinweis darauf, was Hebammen für Frauen tun können: Auf jeden Fall Fotos machen,
einen Fußabdruck des Kindes nehmen – ein kleines Buch zusammenstellen und es aufbewahren, eventuell
lange, bis die Frauen danach fragen. Und hilfreich für beide, für Hebamme und Frau, könnte ein persönlicher
Geburtsbericht der Hebamme sein – als eine Spur des Kindes, die die Eltern erreicht, wenn sie sich auf die Suche nach ihrem Kind machen.
Wütend, zornig, neidisch Abschied nehmen zu müssen von einem toten Kind ist so ungeheuerlich, dass man
ihn mehrfach nehmen muss. Und das bedeutet, das Kind zu suchen, bewusst oder unbewusst, in Träumen und Phantasien, in Wunschvorstellungen, in allem was verbunden war mit dem gemeinsamen oder mit dem erhofften
gemeinsamen Leben.
Wenn die Eltern sich diese Annäherung immer wieder zumuten können und sie auch in dieser Phase
aufbrechenden Schmerzes, der Sehnsucht und Verlassenheit liebevolle Unterstützung finden, dann gelingt es ihnen vielleicht, einen endgültigen Abschied zu nehmen von ihrem toten Baby – es kann dann im besten Fall zu
einem inneren Begleiter werden, von dem man sich unterscheidet und der sich auch verändern darf. Wenn das gelingt, wird es möglich, sich dem Leben wieder neu zu öffnen.
„Ich habe es nicht wahrhaben wollen. Ich habe geweint und geklagt. Ich war wütend, zornig und neidisch auf die
anderen Frauen, die ihre Babys noch hatten. Ich habe sie gehasst. Aber dann habe ich langsam gelernt neu zu hoffen und mich mit dem Leben auszusöhnen. Es ist jetzt lange her. Aber verstehen werde ich den Tod meines
Kindes nie!“, schreibt eine Frau.
Soweit zu den Entwicklungen und Verläufen eines Trauerprozesses, um den Hebammen und
Hebammenschülerinnen wissen sollten, um das Verhalten der Eltern zu verstehen. Was aber ist eine gute
Begleitung? Gibt es eine „Mindestanforderung“ für gute Begleiter oder kann man bei bester Intention gar etwas
falsch machen? Wie wenig oft nötig ist zeigt folgendes Beispiel: Eine Frau hält ihr sterbendes Kind im Arm.
Eine Ärztin ist bei ihr, horcht ab und an mit dem Stethoskop. „Ich habe gewusst, dass mein Kind tot war, als ich die Tränen der Ärztin auf meiner Hand gespürt habe. Besser hätte sie es mir nicht mitteilen können!“
Den Schmerz gemeinsam aushalten Begleitung ist oft überschattet von den Ängsten, die eigenen Gefühle
zuzulassen. Das kann zum Einen sein, weil es peinlich ist, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen – in unserer
Gesellschaft werden Menschen bewundert, die gefasst und ruhig bleiben und ja nur nie die Kontrolle verlieren.
In anderen Kulturen geht man damit anders um. Es gibt Rituale, bei denen der Schmerz in der Gruppe mit allen
Versammelten verteilt werden und Ausdruck finden kann. Das wird in zeitlich festgelegten Abständen wiederholt
und gibt so oft Gelegenheit zu klagen, von dem Schmerz zu sprechen und von der Sehnsucht, der Verlassenheit und von dem was schön war und was hätte sein können. So entsteht für die trauernden Angehörigen im Kreise
ihrer Freunde langsam wieder fester Boden unter den Füßen.
Wir haben diese Rituale nicht mehr in dieser Kraft und Stärke. Wir sind oft allein gelassen mit dem Schmerz
und nicht in der Lage, ihm anders als im eigenen Kämmerlein Ausdruck zu geben. So rühren manchmal diese Trauersituationen im Kreißsaal an eigenes Leid, an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit und an die eigene
Betroffenheit, die jenseits derer der zu begleitenden Eltern liegt und mit dem Gefühl verbunden sein kann, den
Boden unter den Füßen zu verlieren und gerade jetzt keine Kraft zu haben für die Geburtsbegleitung eines toten Kindes.
Wie aber können wir den Eltern eine große Sensibilität
entgegenbringen, wenn diese für uns selbst nicht vorhanden ist? Grenzenlos belastbar sein zu allen Zeiten und dabei immer über die eigene Belastbarkeit hinweggehen und eigene Bedürfnisse außer Acht
lassen: Das darf es nicht sein! Nur wenn wir wahrnehmen, wo unsere eigenen Grenzen liegen, nur wenn wir fühlen, wie weit wir uns einlassen möchten und können, sind wir in der Lage, den Eltern ein
stimmiges Angebot zu machen.
Deshalb ist es wichtig, sich Rahmenbedingungen im Kreißsaal im Team zu erarbeiten. Es muss für eine Hebamme möglich sein zu sagen: „Holt eine andere Kollegin. Mir ist es
heute nicht möglich.“ Manchmal berichten Hebammen, sie seien „ausgeguckt“ vom Team, weil sie ihre Sache
so gut, so liebevoll machten. „Ich will, dass die Eltern gut begleitet werden“, sagt eine Hebamme und lässt sich noch aus ihrer Freizeit holen. Aber sie fühlt sich so müde und ausgelaugt.
Das Netz muss nicht nur für die Eltern gespannt sein. Es soll auch die
Hebammen und all die anderen, welche mit der Begleitung von trauernden Eltern befasst sind, auffangen und verbinden – in Gesprächen, Supervision und Fortbildungen... Wir können den Eltern
die Trauer nicht abnehmen, sie nicht einmal verkleinern. Was wir können, ist da sein, uns zur Verfügung stellen, soweit es uns möglich ist, und den Schmerz gemeinsam mit den Eltern aushalten. Insofern
kann das Beispiel der Ärztin Mut machen, Mitgefühl und Trauer zu teilen und zu zeigen.
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