|
Meine Hebamme empfahl mir ein Bestattungsunternehmen. Die dortige Chefin setzte sich dafür ein,
auch Kinder unter 500 g zu beerdigen.
Wir kamen zu ihrer Angestellten, die uns aber auch sehr pietätvoll und gut betreute. Zu allererst wollte sie wissen, wie unser Kind
denn heiße. Das überraschte mich, ließ mich gleichzeitig aber auch Vertrauen zu ihr finden. Sie nahm uns wirklich ernst! Das fand ich erstaunlich.
Und schön!
Ich teilte ihr mit, dass Lara bei meiner Mutter in G. beerdigt werden sollte und daher verbrannt werden müsste. Ich wollte Lara
aber im Krematorium nochmals sehen, selber waschen und anziehen und mich nochmals verabschieden!
Selbstverständlich würde sie mich begleiten und wenn es mir zu viel würde, könnte ich jederzeit abbrechen.
Wir suchten einen Sarg aus und ich machte mich auf die Suche, nach einem Strampler aus reiner Baumwolle, weil keine
Synthetiks verbrannt werden dürften. Ich fand schließlich ein wunderschönes Teil (so teuer, wie ich nie wieder gekauft habe!). In
der Schwangerschaft hatte ich von einer Kollegin ein Tragetuch aus Indonesien geschenkt bekommen. Ich hatte es die gesamte
Schwangerschaft wie einen Schal um den Hals getragen. Jetzt wollte ich es Lara mitgeben. Ich rief diese Kollegin an und fragte sie, ob das okay für sie sei. Für mich war das wichtig und sie hatte nichts dagegen.
Kurz bevor Lara verbrannt werden sollte, kamen zwei Dinge zusammen: Mein Vater, der die Grabstelle neben meiner Mutter
beanspruchte, teilte mir mit, dass er verbrannt werden wolle, sollte er sterben und dass daher, Lara auch im Sarg beerdigt werden
könne. Und: die Bestatterin rief mich an, sie habe einen Transport nach Österreich und könne Lara für wenig Geld dort
mitschicken. Ob wir es uns nicht doch noch mal überlegen wollten, Lara doch erdbestatten zu lassen. Wir stimmten zu! Und ich bin so froh darüber!
Dann kam der Tag, an dem ich Lara wiedersehen würde. Ich kam in das Krematorium des Ohlsdorfer Friedhofs und war
überrascht, wie angenehm dort alles gestaltet war. Lara war aufgebahrt Zwischen zwei hohen Kerzen. Diese waren die einzige Lichtquelle.
Lara sah anders aus, als kurz nach der Geburt. Meine Bestatterin hatte mich aber hierauf aufmerksam gemacht und so war ich
gut darauf vorbereitet. Sie war „eingetrocknet“. Aber sie sah so friedlich aus, dass ich mir nun endlich sicher war, dass niemand
einen Fehler gemacht hatte und dass Lara tatsächlich tot war. Das war enorm wichtig für mich gewesen, ohne, dass ich mir dessen bewusst gewesen war.
Und nun gehörte mir Lara ganz allein. Meine Bestatterin war da, aber sie hielt sich sehr im Hintergrund und gab mir jede Freiheit,
die ich haben wollte. Ich zog Lara aus und sah sie zum ersten Mal nackt. Sie war wunderschön und einfach nur perfekt! Ein
kompletter kleiner Mensch! Meine Tochter! Ich nahm sie auf ganz andere Art und Weise erneut an!
Ich nahm sie heraus und wusch sie vorsichtig ein bisschen. Meine Bestatterin lies mich wissen, dass ich mit der Haut meiner
Tochter vorsichtig sein musste und so war es eher ein Tupfen- erst feucht, dann trocken, um die letzten Spuren Blut zu beseitigen.
Das Tuch, in das sie vom KH eingewickelt war, sowie auch das Handtuch mit dem ich sie gewaschen habe, wurden nie
gewaschen und sind noch heute wertvollste Erinnerungsstücke!
Ich hatte Keramiplast dabei und machte noch vorsichtig einen Handabdruck von ihrem kleinen Händchen. Ich war erstaunt, wie
feste ich hätte drücken müssen! Und da ich ihr nicht wehtun, sie nicht kaputtmachen wollte, ist der Handabdruck nicht besonders
gut zu sehen. Aber ich sehe ihn! Ich schnitt ihr noch ein paar Härchen ab und klebte sie mit auf den Handabdruck. Das ist das persönlichste, was ich von ihr besitze!
Dann zog ich sie vorsichtig an. Ich schlug sie ein, in das Tuch, von meiner Freundin und betrachtete sie einfach nur. Ich saß noch
ein wenig dort, bevor ich bereit war wieder zu gehen. Zum Letzten Mal Lebewohl zu sagen!
Wenn ich es noch richtig erinnere, wurde sie am 25.2. beerdigt!
Ich lud hier in G. ein paar mir wichtige Freunde ein und natürlich war der Vater meiner Tochter auch dabei.
In der Aussegnungshalle spielten wir „in this Heart“ (Sinead o´Connor, universal mother). Unser alter Friedhofswärter trug Lara in
ihrem Sarg zu der Stelle, wo meine Mutter bereits lag. Und man sah ihm an, dass ihm jeder Schritt schwer fiel.
Am Grab las ich einen Brief von mir an Lara vor. Meinen Abschiedsbrief. Ich legte ihn mit in ihr Grab.
Laras Vater legte ein Kuschelnielpferd mit hinein, dass er Lara während der Schwangerschaft gekauft hatte.
Benedikt, der vierjährige Sohn meiner Freundin lies Luftballons für Lara steigen und zuletzt spielten wir am Grab noch „thank you for hearing me“ (s.o.)
Am meisten faszinierte mich eigentlich, dass unser abgebrühter Friedhofswärter in einer Tour mit weinte.
Ich hatte einen Samthintergrund (blau? Rot?) hinter das Grab hängen lassen und zwei hohe Kerzenleuchter standen rechts und
links neben dem Sarg. Es war ein wunderschöner Anblick mit dem weißen Sarg in der der Mitte. Ich glaube, eine Urne wäre hier sehr viel weniger feierlich gewesen.
Zu guter Letzt fuhren wir nach Hause und es gab Kaffee und Kuchen. Plötzlich hörte ich einen Stuhl rutschen - den
Schreibtischstuhl meiner Mutter. Aber dort saß niemand. Als ich mich wieder zum Tisch umdrehte, fragte mich mein Vater, was
ich denn nun gehört habe. Ich bin mir sicher, dass auch er die Anwesenheit meiner Mutter gespürt hat. Ich war dankbar, dass sie vorbei geschaut hatte.
Monika G. 6.01.2008
die Geburt von Lara
Laras Baum
|