Michaela Nijs Bestattung

Beerdigungsfeier und Bedeutung des Grabes

aus Trauern hat seine Zeit
Abschiedsrituale beim frühen Tod eines Kindes
Von Michaela Nijs

Zusammenhang zwischen dem Fehlen einer Beerdigung und einem komplizierteren Verlauf des Trauerprozesses

Eine Beerdigungsfeier gibt anderen Menschen die Möglichkeit, am Trauerprozeß der Familie (an-)teilzunehmen. Beim frühen Tod eines Kindes finden nicht selten sehr kurze Feiern statt, zu denen Freunde und Verwandte nicht eingeladen werden. Manchmal kann nicht einmal die Mutter anwesend sein, weil sie (z.B. nach einem Kaiserschnitt) noch in der Klinik liegt. Solche Feiern können keine Unterstützung durch das soziale Netzwerk bieten.

Die große Bedeutung, die eine Beerdigung und die Existenz eines markierten Grabes haben, zeigen LaRoche et ai. in ihrer Studie. Sie fanden eine signifikante Korrelation von erhöhten Scores im TMS (Total Mouming Soore) mit dem Fehlen von Beerdigung und Grab (LaRoche 1984).

Auch Rando betont die Wichtigkeit einer Beerdigungszeremonie für ein perinatal gestorbenes Kind. Sie sieht eine solche Handlung als eine Möglichkeit, daß der Tod als Realität bestätigt wird und daß Trauer ausgedrückt werden kann (Rando 1988). Kuse-Isingschulte weist darauf hin, daß der Trauerverlauf bei Frauen, die sich nicht um eine Beerdigung gekümmert haben (anonyme Bestattung), signifikant komplizierter ist als bei Frauen, deren Kind mit einer Feier bestattet worden ist (Kuse-Isingschulte 1995).

Wenn das Grab fehlt - Möglichkeiten des symbolischen Abschiednehmens

Frau A.und ihr Mann entschieden sich, ihr Kind nicht beerdigen zu lassen. Ihre Tochter war in einem anderen Bundesland geboren worden, so daß viele bürokratische Hürden hätten überwunden werden müssen. Außerdem wog das Kind weniger als 1000 g, war damals somit nicht bestattungspflichtig.

Frau A. berichtete über ihre Überlegungen bezüglich einer Beerdigung:

:    "Und dann haben sie [Klinikmitarbeiterinnen] wohl gefragt [ob wir wollten, daß das Kind beerdigt wird], aber irgendwie war uns das dann auch zu viel. Wir wußten, wir wollten es untersuchen lassen, weil wir ja keinen Anhaltspunkt hätten, wie das denn kam. Weil es ja auch plötzlich für uns war. Und dann haben wir gesagt, nein, wir kriegen das alles auch nicht geregelt, wieder dahin fahren zu müssen, damit wir das Kind beerdigen können."

Im weiteren Verlauf des Trauerprozesses tauchten bedrohliche Vorstellungen in ihr auf:

    "Im nachhinein hatte ich ganz schlimme Phantasien, wie zerschnippelt .     mein Kind ist."

Diese Phantasien sind in den vergangenen Jahren bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt mehrmals wieder aktuell geworden.

Vielleicht kann diese Erfahrung von Frau A. verdeutlichen, wie wichtig eine Beerdigung ihres Kindes für Eltern sein kann. Möglicherweise wäre es zusätzlich von positiver Bedeutung, daß Eltern ihr Kind nach einer Obduktion noch einmal (in Begleitung eines ihnen vertrauten Menschen) sehen können. Denn Frau A.'s Phantasien hingen wesentlich auch mit der Frage zusammen, was mit ihrer Tochter bei der Obduktion geschehen ist.

Dieses Thema ist mit intensiven Emotionen verbunden, gerade auch, weil so vieles über den Umgang mit totgeborener Kindern noch im Dunkeln liegt. Bisher gibt es in Deutschland noch keine Untersuchung darüber, was Krankenhäuser mit den Leichen totgeborener Kinder tun. In Großbritannien gibt es eine Studie darüber, die auch Empfehlungen für den würdevollen Umgang mit totgeborener Kindern gibt (Kohner 1992).

Frau E. und ihr Mann entschieden sich, daß das Krankenhaus sich um die Beisetzung ihres Sohnes kümmern sollte. Sie wissen nicht. wo ihr Kind beerdigt ist.

Im Verlaufe des Trauerprozesses erlebte Frau E. diese Entscheidung im nachhinein so als habe sie ihr Kind verlassen, der Klinik überlassen Auch aus diesem Erlebnis heraus entstand der Wunsch, den Abschied von ihrem Sohn nachzuholen. In diesem Ritual gestaltete Frau E. in ihren inneren Bildern auch die Beerdigung so, wie sie sie sich gewünscht hatte.

 

Stand 21/02/05