»An einem Morgen in der 21. Schwangerschaftswoche leitete die Hebamme die Geburt ein.
Noch me habe ich so wahnsinnige Schmerzen gehabt. Doch endlich gleitet sie, unsere Tochter, aus mit hinaus. Sie ist tot.
Mein Mann und ich betrachten den kleinen Körper mit Scheu und doch voller Neugier. Anfangs
getrauen wir uns kaum, ihn zu berühren. Ich ermuntere Bern, meinen Mann. das Kind aufzunehmen und mir auf die Brust zu legen. Der kleine Körper ist noch ganz warm, kühlt dann
aber erstaunlich schnell ab. Alles an diesem Kind ist perfekt ausgebildet. Es ist ein wunderschönes Mädchen. unvorstellbar, daß sie nicht leben kann. Die Haut ist extrem dünn,
durchsichtig fast, schmettelingsartig fein. An mehreren Stellen hat sich die Haut dunkelviolett verfärbt, wie wenn sich das Mädchen an etwas gestoßen hatte. Die Augen sind geschlossen.
Wir legen den kleinen Körper so auf meine Ernst, daß es bequem auf die Seite liegt. Die winzig kleinen, perfekten Hände legen sich mit den Handinnenflächen nach oben und bilden eine
schalenartig Form. Wir entdecken kleinste Handlinien, und das berührt uns tief. Die Öhrchen liegen dicht am Köpfchen an. Das Kind hörte selbst etwa eine Woche Töne. Ich ließ es häufig
Mozarts Wiegenlied hören. Noch einmal spielen wir ihr dieses Lied. Wir streichelten das Kind, dankten ihm für seis Dasein, für die Freude, die es uns gebracht hat, für die Hoffnung, die es
leben ließ. Wir danken ihm auch für seine Schönheit und versuchen unter all dem Schmerz anzunehmen. daß es nicht lange leben wollte.
Die Hebamme ist während die ganzen Zeit mit uns, teilt mit uns die Freude und den Schmerz.
Sie hat es mir ermöglicht, das Kind daheim zu gebären und mm zu verabschieden.
Nach zwei, die Stunden nehmen wir Abschied. Die letzte Blicke, das letzte Wort, die letzte
Berührung und ein letzter Dank. Beni hat die marmorierte. wunderschöne Schachtel, die ich von einer Reise aus Venedig mitgebracht habe, mit Papier ausgelegt, und wir legen unser Kind
hinein. Die Hebamme nimmt das Kind mit in das Geburtshaus und wird den Leichnam dort aufbewahren, solange, bis wir den Krematorionsschein bekommen und das Kind in das
Krematorium bringen können. Es ist mir selbst wichtig zu wissen, wo das Kind
bis zur Verbrennung aufbewahrt wird.
Ein paar Tage später gehen die Hebamme und ich zum Bestattungsinstitut. Das Mädchen
tragen wir in die Schachtel wohlbehütet mit uns. Dei Mann vom Bestattungsinstitut übergibt uns den kleinsten Sarg, den sie haben. Ei ist schneeweiß. Für Kinder haben sie weiße Särge. Wir
sagen das Kind ein. Ich nehme es behutsam aus die Schachtel. Es sieht immer noch wunderschön aus, tiefgeforen ist es nun. Doris, die Hebamme, sagt, sie hatte es manchesmal
betrachtet. Das empfinde ich schon. Ich bette das Mädchen in den weißen Satin des Sarges.
'Wir fahren in das Krematorium. Hier muß ich den Sarg abgeben. unser Mädchen wird morgen
kremiert. Da es mir, trotz intensivster Bemühungen meinerseits, nicht gestattet wild, bei der Kremation dabei zu sein, zeigt mir die Mann, die die Kremation vornehmen wird, die
Leichenhalle, wo das Kind aufbewahrt wild, und die Krematorionsöfen. Ich bin ihm dafür dankbar, so kann ich morgen das Geschehen besser in Gedanken begleiten.
Am nächsten Tag holen dann mein Mann und ich die Urne ab. Auf dem Karton steht: Dubs,
Mädchen, Nummer 100007. Unser Mädchen! Wir fahren zu uns nach Hause und glauben das kleine Tännchen aus, das ich aus dem Wald geholt und in unserem Garten gepflanzt habe, als
ich die Gewißheit hatte, daß ich schwanger bin.
Es ist schon sehr gewachsen. Dann gehen wir in den Wald und suchen uns eine schöne Stelle
aus mit viel Licht und Blick ins Weite, etwas erhöht. In die Nähe steht eine große, alte Tanne, sie soil das kleine Tännchen und unser Mädchen beschützen. Wir graben ein Loch, legen die
Asche von unserem Mädchen hinein und setzen das Tännchen. Die Kerzen brennen an ihrem Grab, und Beni und ich beten ein Vaterunser."