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6.1.1998 - War ich in der 34.SSW schwanger. Ich ging nach der Weihnachtspause
wieder zum Gynäkologen. Vormittags in der Berufsschule war mein Kind erstaunlich ruhig gewesen, aber ich machte mir keine Sorgen, da ich ja eine Bilderbuchschwangerschaft hinter mir hatte.
Die Helferin fand beim CTG keine Herztöne, selbst mit Wecker bekam sie mein Kind nicht wach. Aber auch hier
blieb ich noch ruhig und dachte nichts Böses. Sie schickte mich zum Arzt rein. Den ich noch darauf ansprach, dass ich so langsam aber sicher inkontinent würde und was ich tun könne.
Er setzte den Schall auf und es begann das Grauen. „Das Kind ist tot! Viel zu wenig Fruchtwasser. Sie hatten
einen Blasensprung! Wären Sie in´s Krankenhaus gegangen, würde Ihr Kind noch leben!!!“
Ich war wie erschlagen. Und wirklich geglaubt habe ich das immer noch nicht.
Er schickte mich mit dem eigenen Auto in´s KH (30 Minuten Fahrzeit; ich schaffte es in der Hälfte der Zeit) Ich
fuhr also heim, teilte meinem Freund mit, er solle auf der Stelle herkommen, packte meine Tasche und wartete auf ihn. Vor dem Haus schnorrte ich noch einen Passanten um eine Zigarette an. Ich vermute, ich habe ihn
ziemlich erschreckt, denn ich sagte, ihm, dass ich jetzt eine bräuchte, ich hätte gerade erfahren, dass mein Kind in meinem Bauch tot sei.
Als mein Freund endlich um die Ecke bog, er hatte noch irgendwo geparkt, stopfte ich ihn in mein Auto und fuhr
weiter. Erst jetzt sagte ich ihm auch, wieso wir in´s KH mussten. Er fragte sofort, ob nicht besser er führe. Aber das wollte ich auch nicht.
Im Krankenhaus wurde ich erneut geschallt und sie bestätigten mir, was mein Gyn gesagt hatte. „Es tut uns leid
Frau Günther, Ihr Kind ist tot!“ Ich versank im Nebel! Es war mir noch wichtig, zu wissen, ob ich tatsächlich einen
Blasensprung gehabt hatte. Sie schlossen das aus! Dann stand ich vor der Wahl, ob ich direkt einleiten wolle, oder ob ich noch bis zum nächsten Morgen warten wolle. Es war jetzt 19 Uhr. Ich hatte das Gefühl einen
Fremdkörper in mir zu haben und den wollte ich so schnell wie möglich loswerden! Ich empfand es als eine Zumutung dieses Kind jetzt auch noch auf normalem Weg gebären zu müssen!
Gebärmutterhalsbefund: 3cm offen. Wehen keine. Die Hebamme legte also direkt ein Prostaglandingel an meinen
Muttermund. Meinen Freund schickte ich heim. Diese Beziehung war zu dieser Zeit bereits so halb nicht mehr
existent. Und ich wollte ihn nicht dabei haben. Kurze Zeit später würde ich ihn ganz wegschicken und auch nie mehr wiedersehen.
Die Wehen begannen noch abends. Waren aber wirklich leicht und bewirkten erstmal gar nichts. Ich rief noch alle
Leute an, die mir gerade einfielen, dass ich sie informieren wollte. Meinen Vater, meine beste Freundin und meinen besten Freund.
Gegen zehn kam die Nachthebamme und fing an mich zu nerven, ich solle unbedingt ein Schmerzmittel nehmen,
damit ich schlafen könne. Sie kam immer wieder damit an, bis ich endlich zustimmte, obwohl ich es gar nicht
haben wollte. Ich duselte dann weg und wurde in den frĂĽhen Morgenstunden wieder wach. Jetzt wurde auch die
Abstände zwischen den Wehen kürzer, aber es waren immer noch Wehen, die nichts bewirkten und viel zu leicht waren. Meine Hebamme vom Abend zuvor kam wieder und bot mir ein Bad an. Das war sehr angenehm. Am Ende
fiel es mir schwer, mich von der Wanne zu trennen. Aber ich stieg dann doch aus. Mittlerweile wurden auch die Wehen heftiger und ich fing an sie zu übertönen. Gegen 11 wurde ich nochmals untersucht: 3cm offen.
Dann ging fĂĽr mich alles recht schnell. Ich telefonierte neben den Wehen und die Zeit verflog. Ich fĂĽhlte mich gut.
Als ich auf´s Klo musste dachte ich mir nichts dabei, da ja der Mumu die ganze Zeit noch nicht weiter auf gegangen war. Doch ich kam nicht mehr von der Toilette herunter. Zusammen mit meiner Hebamme kam noch
eine liebe Hebamme, die gerade die Schicht übernehmen wollte. Die beiden verfrachteten mich in´s Bett. In den Kreissaal kam ich nichtmehr.
Meine Hebamme untersuchte: Mumu vollständig offen, die Geburt steht bevor. Irgendwo kam noch ein Arzt daher,
wobei ich ihn nicht wirklich wahrnahm. Ich begann zu pressen. Nach ca 3 Presswehen war Lara da.
Da ich nicht wissen wollte, was ich bekommen hatte- ich dachte, es wäre leichter für mich, wenn ich es nicht
wusste- wickelten sie Lara in ein Handtuch und ich durfte sie betrachten. Der Mutterkuchen kam nicht vollständig
und so musste ich sie nochmals hergeben und zur Curettage in den Kreissaal. Hinterher war sie in einem Lila
Strampler verpackt und ich durfte sie erneut sehen, so lange ich wollte. Später kam mein Freund, der sie aber
nicht sehen wollte, und versuchte mich aufzuheitern. (uns wurde mitgeteilt, dass Lara noch 2 Tage im Kreissaal
verbringen würde und wir sie jederzeit sehen könnten.) Zu der Zeit fühlte ich mich aber auch bereit, sie abzugeben.
Die gesamte Zeit, ab der Geburt wartete ich insgeheim darauf, dass Lara anfangen würde zu weinen. Dass sie sich vertan hätten, die Ärzte.
Lara war so nah bei mir! Ich konnte Ihre Anwesenheit einfach spĂĽren! Sie konnte nicht tot sein. Ich war so glĂĽcklich!
Hier hört meine Erinnerung nicht auf, aber bis hier ist sie so unsagbar wertvoll für mich. Es waren wunderschöne
Stunden, die mir Lara geschenkt hat und ich erinnere mich so gerne an sie.
Als ich allein auf eine Station gebracht wurde, begann ich zu verstehen. Jetzt liefen die ersten Tränen.
Ich kam auf eine Station, auf der ich selber gearbeitet hatte. Das hatte ich mir so erbeten, da dort weder
Schwangere noch Entbundene lagen. Dort wurde ich sehr liebevoll empfangen, betreut und aufgefangen. In der zweiten Nacht fragte ich dann nach, ob ich ein Mädchen oder einen Jungen bekommen hätte. Plötzlich war es
ganz wichtig für mich. Ein Mädchen!
Die Tränen liefen erneut. So sehr hatte ich mir ein Mädchen gewünscht und jetzt war ausgerechnet mein Mädchen
tot. Ich bildete mir in meiner Naivität ein, es wäre einfacher gewesen, wenn es ein Junge gewesen wäre!
Noch im KH bekam ich von einer anderen Station das Buch „gute Hoffnung- jähes Ende“ in die Hand und begann
zu lesen. Es war für mich eine Offenbarung, traurig sein zu dürfen; dieses Kind nicht einfach vergessen zu müssen. Da stand drin, dass dieses Mädchen meine Tochter war, auch wenn sie nicht lebte. Ich empfand es
genau so, aber ich weiß nicht, ob ich so schnell den Mut gehabt hätte das auch zu leben.
Hier las ich auch darüber, dass es schön sein konnte, das Kind selber fertig zu machen, für die Beerdigung.
Meine Hebamme, die die Nachsorge betreiben wĂĽrde, war auch sehr hilfreich. Einerseits stellte sie mich in den
Regen und teilte mir mit, dass sie mich zwar betreuen konnte, mir aber nicht helfen konnte. Andrerseits brachte
sie mich dazu, sehr schnell mit den verwaisten Eltern Kontakt aufzunehmen. Sie war auch die erste, die mich trotz allem als Mutter sah und das auch sagte.
Einschneidend war noch der letzte Kontakt mit dem Stationsarzt. Im Mutterpass stand wieder der verhasst
Blasensprung als Einweisungsdiagnose. Ich wollte das geändert haben. Dieser Gyn war der Meinung „Frauen
wissen doch eh nicht, was ihnen an den Beinen herunterläuft!“ Er weckte meine Wut und ich ging als erstes zum
Chef der Abteilung und beschwerte mich grĂĽndlich ĂĽber diesen Arzt! Dieser Professor nahm mich wiederum ernst,
entschuldigte sich für seinen Angestellten und versprach die Sache zu regeln. Im Mutterpass wurde es zwar nach wir vor nicht geändert, aber ich konnte es für mich erstmal abschließen.
Viele einzelne Puzzlestücke reihen sich jetzt aneinander, die mich begleiten durch mein Leben. Alles andere habe ich vergessen oder verdrängt.
Daheim begann ich bald meine Wohnung zu renovieren! Tapeten runter, Fliesen von den Wänden… Zerstören! – Es tat so gut!
Monika G. 6.1.2008
Laras Beerdiung Diana30 (26.06.2003) |