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Lorenz' kurzes Leben war nicht umsonst! Ich habe viel durch ihn gelernt
Nachdem ein wenig Zeit verstrichen war und ich mich zumindest körperlich wieder etwas
erholt hatte, verreisten wir ein paar Tage, um ein bisschen abzuschalten. Auf dieser Reise besuchten wir eine
Kunstausstellung, die mir immer im Gedächtnis bleiben wird. Nie zuvor hatte ich Kunst so intensiv erfahren! Ich war
körperlich ergriffen vom Wunder und vom Ausdruck der ausgestellten Werke. Schlagartig würde mir klar, dass mich das Leid sehr empfindsam gemacht hatte, und zwar auch für die schönen Dinge des Lebens. Ich konnte
feststellen, dass mein Leben dadurch intensiver und reicher geworden war. Ich atmete wieder etwas auf, ich konnte wieder hoffen.
Das Jahr nach Lorenz' Tod war geprägt von Phasen unendlicher Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit und dem Gefühl,
verlassen zu sein, aber auch von sehr intensiven positiven Erlebnissen und menschlicher Nähe. Lorenz' kurzes
Leben war nicht umsonst! Ich habe viel durch ihn gelernt (lieber hatte ich dies auf andere Art und Weise getan);
mein Leben, meine Perspektiven und Wertigkeiten haben sich geändert. Auch bin ich heute in der Lage, Dinge, die
mir wichtig sind, besser zu erkennen und durchzusetzen. Auch unsere Familie hat Lorenz verändert, und er wird
immer ein Teil von ihr sein. Wie nur wenige Kinder ihres Alters hat Rosa lernen müssen, nicht nur mit ihren eigenen
Gefühlen, sondern auch mit den Gefühlsschwankungen ihrer Mutter umzugehen. Vor allem war und ist es sicher
schwer für sie, meine »Launen« zur rechten Zeit nicht auf sich zu beziehen und sich nicht verantwortlich zu fühlen.
Wir haben noch einmal gewagt zu hoffen und mittlerweile einen weiteren Sohn bekommen. Erstaunlicherweise
habe ich gerade kurz nach Antons Geburt noch einmal die riesengroße Lücke gespürt, die Lorenz hinterlassen hat.
Es war wieder sehr schmerzlich, aber auch gut zu erfahren, dass Lorenz seinen Platz in unserer Familie besitzt. Es wird eine Herausforderung sein, Anton zu vermitteln, dass er einen älteren Bruder hat.
Sehr traurig hat mich unsere Umgebung gemacht, die Mühe hat zu akzeptieren, dass Anton unser drittes Kind ist.
Viele Menschen neigen anscheinend dazu, unangenehme Dinge möglichst schnell zu vergessen. Sie merken dabei
nicht, wie verletzend dieses Vergessen ist und wie zerstörerisch das Verdrängen sein kann. Ich denke, wir als Familie und als Individuen haben nur dann eine Chance, glücklich zu sein, wenn wir
immer wieder versuchen, an die Wurzeln unserer Gefühle zu kommen, sie auszuleben und unser Sosein zu akzeptieren. Auf diesem Weg wird Lorenz mich und uns immer begleiten.
Franziska Offermann (34 Jahre) Aus “Überall Deine Spuren Eltern erzählen vom Tod ihres Kindes” S. 54-59
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