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Artikel aus der Eltern August 2000
von Anke Willers
Versteht denn keiner unsere Trauer?
Doch!
Jedes Jahr verlieren in Deutschland mehr als 85000 Frauen in der Schwangerschaft ihr Kind. Dennoch spricht kaum jemand darüber – höchste Zeit, dies zu ändern!
Angefangen hat alles mit einem Leserbrief in der März-Ausgabe von Eltern. Eine junge Frau schrieb, es hab
in de r21. Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt gehabt und sich bis heute nicht davon erholt:
“Alle meinen, ich müsste jetzt, nach zwei Monaten, schon über alles hinweg sein. Keiner begreift, dass
dieses Kind für mich und meinen Mann schon ganz real war: Ich hatte es fünf Monate in meinem Bauch, ich habe es auf dem Ultraschall gesehen, ich spürte auch bereits erste Kindsbewegungen: Und ich wünsche
mir, dass man meine Trauer respektiert.”
Das Echo auf diesen Brief war überwältigend. Die Redaktion erreichten fast 200 Briefe, für die wir uns ganz
herzlich bedanken. 200 Briefe, in denen Mütter von ihren Fehl- und Totgeburten berichten, die sie in der achten , zwanzigsten oder 39. Schwangerschaftswoche erleben mussten. 200 Briefe, in denen es vor allem
um eines geht: um den schwierige Prozess des Abschiednehmens.
Glaubt man der Statistik, so endet jede vierte bis fünfte Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt in den ersten
Schwangerschaftsmonaten. Später, wenn das Baby mit einem Gewischt von über 500 Gramm bereits lebensfähig wäre, wird noch etwas jedes 130. Kind tot geboren. Manchmal sind Infektionen daran schuld,
genetische Schäden, eine Plazentastörung oder Nabelschnurkompliktaionen. Oft werden die medizinischen Gründe nie geklärt. Hinter den Zahlen und medizinischen Fakten verborgen bleibt meist auch die persönliche
Katastrophe, die der frühe Tod eines Kindes für die Eltern bedeutet.
“Der Tod eines Kindes in der Schwangerschaft ist immer noch ein Tabu”, schreibt Silke, 29, aus
Bremerhaven. “Weil das Kind noch nicht richtig sichtbar war, ist es für die Umwelt offenbar auch nicht du gewesen. Also gibt es auch keinen Grund, traurig au sein.” Tatsächlich beschreiben fast alle Mütter in ihren
Briefen. dass es ihnen nach einer Fehl- oder Totgeburt zwar körperlich bald wieder gut ging. dass aber die Seele Monate. manchmal sogar Jahre brauchte, um sich zu erholen.
Wenn wir mit dem Tod unseres Babys konfrontiert werden, werden wir von einen Sekunde auf die andere in
Trauer hineinkatapultiert. Wie tauchen dabei in ein unbekanntes Land ein mit gewaltigen. bisher fremden Gefühlen. Die Reise durch dieses Land wird eine lange Reise sein”. schreibt Hannah Lothrop in ihrem Buch
“Gute Hoffnung-Jähes Ende‘ (Kösel. 38 Mark).
Die meisten Betroffenen erleben auf ihrer Trauerreise verschiedene Stationen. Zuerst ist da der Schock, die
Verleugnung: Das Baby ist tot? Nein. das darf, das kann nicht sein. Begreift das Bewußtsein schließlich, was wirklich passiert ist, werden viele Eltern überrollt von Gefühlen der Verzweiflung, der Hoffnungslosigkeit
und auch der Schuld. Diese Phase kann viele Monate dauern.
“Ich war in den Wochen nach der Fehlgeburt wie ferngesteuert”, schreibt Katja, 53 aus Paderborn. “Immer
wieder habe ich mich gefragt, warum das passiert ist: War es der Sekt an Silvester, war es die Abtreibung vor sieben Jahren, für die ich nun bestraft werde? ‘Warum hat mein Körper mich im Stich gelassen? Warum ist
mein Kind dort gestorben, wo es am sichersten sein sollte: In meinem Schoß?”
Gedanken wie diese sind quälend. Und doch sind sie wichtig: “Es gehört Mut dazu, sich seinen
schmerzhaften Gefühlen zu stellen und sie zu verarbeiten. Doch wenn wir dies nicht tun, entsteht das Gegenteil, nämlich Angst — ja sogar richtige Lebensangst”, schreibt Hannah Lothrop.
Anders gesagt: Gefühle der Verzweiflung. der Hoffnungslosigkeit, der Wut sind gesunde Reaktionen der
Seele auf ein schlimmes Ereignis. Drückt man diese Gefühle weg,. kann die glücklose Schwangerschaft zu einem lebenslangen Trauma werden. Lässt man sich jedoch auf sie ein, werden sie irgendwann schwächer,
positive Erinnerungen an die Schwangerschaft werden möglich, und die Psyche beginnt sich zu stabilisieren.
Wie lange diese Reise durch den dunklen Trauertunnel dauert. lässt sich nicht vorhersagen. Denn jeder
Mensch hat dabei ein anderes Tempo: Eine junge Muttee, die bereits ein Kind hat, wird möglicherweise schneller wieder Mut schöpfen, als eine 38-Jährige. die ihr erstes Baby nach einer Hormonbehandlung
erwartete. Oder als eine Frau, die ihre Schwangerschaft am Anfang sehe zwiespältig erlebt hat und die nun nach dem Verlust des Kindes unter starken Schuldgefühlen leidet.
Entscheidend ist auch, ob und wie mitfühlend der Partner und die Umwelt reagieren. Und ob die Betroffenen
die Möglichkeit haben, sich wirklich von ihrem Baby und dem damit verbundenen Lebensentwurf zu verabschieden.
Zu diesem Abschied gehört vor allem, dass von dem Kind etwas bleiben darf, Zeichen, die zeigen, dass es
da war: ein Name. ein Ultraschallbild, ein paar Söckchen im Wäscheschrank.
“Ich musste mein Kind in der 34. Woche tot gebären”, schreibt Manuela, 27, aus Pforzheim. “Aber ich hatte
das Glück, in einer Klinik betreut zu werden, in der man mit solchen Katastrophen Erfahrung hatte. Man überzeugte mich nicht nur davon, dass eine normale Geburt besser sei als ein Kaiserschnitt mit Vollnarkose,
sondern ermutigte mich auch, mir mein Kind anzuschauen, es zu baden, zu fotografieren. Heute hin ich sehr froh, dass ich diese Stunden mit meinem Baby hatte. Viele Eltern denken, wenn sie ihr Kind gar nicht erst
sehen, ist auch der Abschied leichter. Aber das stimmt nicht: Man kann ein Kind nur verabschieden, wenn man es begrüßt hat.”
Dass zu einem würdigen Abschied Trauerrituale gehören, hat inzwischen auch der Gesetzgeber erkannt: Seit
dem 1.7.98 können in Deutschland Totgeborene, die mindestens 500 Gramm wiegen, mit Vor- und Zunamen ins Familienstammbuch eingetragen werden. Meist ist auch eine individuelle Bestattung möglich —
allerdings variieren die Bestattungsgesetze je nach Bundesland. Und vor allein bei sehr kleinen Babys werden den Betroffenen bei ihrem Wunsch, das Kind zu begraben, immer noch Steine in den Weg gelegt.
“Ich konnte es nicht ertragen, dass ich noch der Ausschabung nichts mehr von unserem Sohn halte”,
schreibt Martina, 26, die ihr Kind in der 18. Woche verlor. “Nicht mal ein anonymes Sammelbegräbnis hat man uns ermöglicht. Dabei braucht man doch einen Ort, zu dem man seine Trauer hintragen kann. Wir haben
deshalb ein Bäumchen im Garten gepflanzt.” Neben solchen Ritualen gegen das Vergessen, spielt auch das Gespräch in der Zeit nach der Fehl- oder Totgeburt eine große Rolle. Leider erleben viele Betroffene, dass
Freunde und Bekannte ihren Schmerz nicht verstehen:
“Oft bekam ich zu hören: Das war sicher bes. ser so, vielleicht wäre es sonst behindert gewesen‘, schreibt
Ursula, 29, aus Brühl. “Viele sagten auch: “Du bist ja noch jung, du kannst noch viele Kinder kriegen.‘ Damit
konnte ich überhaupt nichts anfangen. Ich wollte ja nicht viele Kinder irgendwann, sondern ich wollte dieses eine.”
Zwar sind solche Sprüche meist nicht böse gemeint. sondern eher ein Zeichen der Hilflosigkeit (mehr dazu
im Interview nebenan), auf die Betroffenen wirken sie jedoch taktlos und verletzend. Viele Frauen empfinden es auch als großen Widerspruch, dass alle Welt von ihnen Jubel erwartet, wenn der Schwangerschaftstest
positiv ist, ihnen aber gleichzeitig die Trauer abgesprochen wird, wenn sie das Kind Monate später verlieren. Eine gute Alternative kann es deshalb sein, sich auf die Suche such Gleichgesinnten zu machen.
“Ich habe mich. in den Monaten noch meiner zweiten Fehlgeburt einer Selbsthilfegruppe angeschlossen",
schreibt Elke, 36, aus Passau. “Dort konnte ich nicht nur weinen und traurig sein, ohne etwas erklären zu müssen. Ich habe auch gelernt, mit meinen Schuldgefühlen umzugehen, die mich sehr belastet haben.
}Heute weiß ich: Eine glücklose Schwangerschaft ist keine Frage der Schuld, sondern fast immer ein schicksalhaftes Ereignis."
Für viele Eltern ist gerade diese Schicksalhaftigkeit schwer zu akzeptieren. Denn wir leben in einer Welt, in
der wir lernen, dass fast alles machbar ist, wenn wir uns nur genug anstrengen. Dass das Wissen um die Unbeeinflussbarkeit eines Ereignisses jedoch manchmal auch eine große Entlastung bei dem schweren
Weg durch die Trauer sein kann. beschreibt Ulrike, 34, aus Dinkelsbühl: “Eine Bekannte sagte zu mir: Kinder kommen und gehen, wann sie wollen, egal, wie alt sie sind. Dieses Kind war noch nicht bereit für ein Leben
mit euch. Und da wurde mir klar: Man kann ein Kind verlieren, das drei Monate oder 30 Jahre alt ist. Im günstigsten Fall zieht es irgendwann aus und man trifft es oft wieder. Im
Eine Fehlgeburt ist keine Frage der Schuld
schlechtesten Fall verliert man es früh und hat nur die Erinnerung. Dieser Gedanke, dass ich das Kind
irgendwann hatte ohnehin gehen lassen müssen, hat mich sehr getröstet."
Trost, Verständnis, das Gefühl, den Schmerz nicht leugnen zu müssen - all dies macht die Trauer
erträglicher. Viele Betroffene beschreiben auch, dass eine neue Schwangerschaft viel zur Heilung ihrer Seele beigetragen hat - allerdings nur dann, wenn diese Schwangerschaft nicht zu schnell folgte. Denn auch
wenn sich der Zyklus bei vielen Frauen bald wieder eingependelt hat — oft ist die Gefahr groß dass die Trauer um das verlorene Kind denn noch nicht verarbeitet ist.
“Als ich ein halben Jahr nach meiner Totgeburt wieder schwanger wurde, war Ich zunächst sehr ängstlich.
Auch hatte ich fast das Gefühl, ich wurde mein totes Kind verraten", schreibt die 31-jähirge Maria aus Fürth. “Dann aber habe ich gespürt: Dieses neue Kind kann kommen, ohne ein Ersatz für das zu nein, was wir
verloren haben. Heute Ist mein Sohn 14 Monate alt. Doch in meinem Herzen habe ich zwei Kinder. Und das wird immer so bleiben.”
Anke Willers
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